—1— Iulianus Latinus: Die zweite Sprache der Figuren von Ammianus Marcellinus’ Res gestae Deutsche Zusammenfassung von „Iulianus Latinus: la lengua cambiada de los personajes de Amiano Marcelino“, in: De Grecia a Roma y de Roma a Grecia: un camino de ida y vuelta, Á. Sánchez-Ostiz, J. B. Torres (Hrsg.), Pamplona 2007, 292-308. Álvaro Sánchez-Ostiz Universität von Navarra 0. Ammianus Marcellinus ist einer der wenigen griechischen Autoren, die ihre Muttersprache wech- seln und auf Lateinisch Literatur schreiben 1 . Diese Schriftsteller sind Einzelfälle und bilden keine homo- gene Gruppe. Es ist nicht klar, ob jeder von ihnen sich seiner Einzigartigkeit bewusst ist. Ammianus er- kennt es aber in den letzten Worten seiner Res gestae, in denen er Bilanz von seinem Werk zieht und sich als „ehemaliger Soldat und Grieche“ bezeichnet (XXXI 16.9: haec ut miles quondam et Graecus… pro ui- rium explicaui mensura). Damit erläutert er aber nicht, warum er auf Lateinisch zu schreiben vorzog 2 und auch nicht, ob der Ausdruck miles et Graecus bloß captatio oder eine Weise ist, seinen eigenen Verdienst zu unterstreichen: Nicht viele Soldaten griechischer Herkunft wären in der Lage, so ein literarisches Projekt zu unternehmen. In diesem Zusammenhang ist Ammianus’ barocker Stil oft seiner Zweisprachigkeit zugeschrieben worden 3 . Als Geschichtsschreiber dächte er also auf Griechisch und seine Eigentümlichkeiten wären ver- hüllte Gräzismen. Aber, obwohl Ammianus nicht simultan zweisprachig gewesen sein kann, ist in den letzten Jahrzehnten hervorgehoben worden, dass viele seiner angeblichen Defizite allgemeine Merkmale des Spätlateins sind 4 . In dieser Studie wird Ammianus’ Doppelkulturalität aus einer ergänzenden Perspektive betrachtet: Wie er die Phänomene von sprachlicher Alterität empfindet und wie dieses Bewusstsein die Arte seine Figuren zu charakterisieren beeinflusst. In diesem Kontext ist Ammianus’ Darstellung des Kaisers Julians, Helden und Hauptfigur in den Büchern XX-XXV, von besonderer Bedeutung. Beide, Autor und Prota- gonist, haben versucht, eine exzellente sprachliche Kompetenz in der zweiten Sprache zu erreichen. Am- mianus spricht von Julians Versuchen in XVI 5.7 und bemerkt, dass der Kaiser unter anderen hervorra- genden Fähigkeiten über genügend lateinische Sprachkenntnisse verfügte (super his aderat latine quoque disserendi sufficiens sermo). Diese nüchterne Beschreibung Julians Lateinkenntnisse in einer ansonsten enkomiastischen Passage sollte — nach Seecks Meinung— bedeuten, dass sein Latein besonders schlecht war 5 . Aber Ammianus’ Formulierung ist mehr als eine Bewertung der sprachlichen Kompetenzen: Sie weist darauf hin, dass er einen Griechen nicht besonders wohlwollend beurteilt, der wie er selbst das Lateinische erworben hat und bestrebt ist, es auf einem literarischen Niveau anzuwenden. Diese Hypothese geht von drei Postulaten aus, die auf den folgenden Seiten besprochen werden: 1. Ammianus war sich der verschiedenen Phänomene von Zweisprachigkeit und Doppelkulturalität bewusst. 2. Der Kaiser Julian besaß eine ausreichende sprachliche Kompetenz in Latein, obwohl seine literari- sche Produktion wesentlich auf Griechisch gewesen ist. 1 Tränkle (1962); Matthews (1989), 452-472, bes. 464ff. und Barnes (1998), 65ff. Über griechische Autoren mit lateinischem Werk, Geiger (1999). 2 Szidat (1977); Fontaine (1978). 3 Über die Gräzismen von Ammianus waren Standardwerke zum Beispiel Norden (1915 3 ), 648f. und Fesser (1932). Über Ammianus’ Stil, Fontaine (1992). 4 Blomgren (1937), Hagendahl (1921), Löfstedt (1959), 110ff., und in den letzten Jahren, den Boeft (1992) und Kroon, Rose (1996). 5 Thompson (1944).