114 115 Buchbesprechungen Jörn Borke, Andreas Eickhorst (Hg.) (2008) Systemische Entwicklungsberatung in der frühen Kindheit. facultas.wuv, Wien, 336 S. Wohnt allem Anfang ein Zauber inne? Jedenfalls dürfte es sinnvoll sein, dieses so gerne genutzte Zitat aus Hesses Stufengedicht nicht ohne seinen Kontext zu lesen. Da verfliegt der Kitsch wie von selbst und deutlich wird, dass Anfang und Ende miteinan- der verwoben sind und dass Gesundung auch mit Abschied zu tun haben kann. Und der Zauber des Anfangs? Wenn es ein Voodoo-Zauber wäre? Wenn die Fülle offen stehender Möglichkeiten nicht lockt, sondern blockt? Vom Zauber zum Budenzauber und schon stellt ein Kinderlärm elterliche Ideale auf die Probe, oft genug mit desillu- sionierendem Ergebnis und möglicherweise irreversiblen Folgen. Wir nähern uns der Bedeutung des Begriffs „früh“ in der Beratungslandschaft, da sind „Frühe Hilfen“ mittlerweile Schlagwort und Konzept. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der sehr frühen Phase der Kindes- und Familien-Entwicklung. Beide Herausgeber sind erfahren und kompetent in ihrem Metier, beide haben sich bei der Gründung und Leitung der Babysprechstunde Osnabrück bewährt, und sie haben für dieses Buch- projekt ausgewiesen kompetente AutorInnen gewonnen. Die Zielrichtung des Buches ist umfassend, sowohl hinsichtlich der möglichen AdressatInnen wie auch der The- men. Nach einem klugen und informativen Vorwort von Heidi Keller und einer skizzierenden Einführung der beiden Herausgeber zu Grundsätzen einer systemisch-entwicklungs- psychologischen Beratungsarbeit bietet der Reader in fünf Kapiteln Erhellendes zum Thema. Es gibt Informationen und Diskussionen zu folgenden Bereichen: Theoretische Grundlagen, Umsetzung in die Praxis, zentrale Schwierigkeitsbereiche, spezifische Fa- miliensubsysteme sowie empirische Überprüfung und Evaluation. Aus der Einleitung der Herausgeber erschließt sich als Klammer der hier versammelten Beiträge „eine systemisch-entwicklungspsychologische Sichtweise (…), die einen wissenschaft- lichen Hintergrund mit einer anwendungsbezogenen, therapeutisch orientierten Per- spektive verbindet“ (S. 16). Das findet sich meist verständlich und informativ, zeitwei- se auch spannend wieder in einem breiten Spektrum an Beiträgen. Jürgen Kriz greift in seinem Grundlagenbeitrag die Grenzen herkömmlicher Erklä- rungsroutinen auf, die gerade im Umgang mit Kindern eher zu Erklärungsnotständen führen. Wie von selbst erschließt sich hier der Vorteil systemischer Sichtweisen, insbesondere beim Nachspüren von sich selbst regulierenden Prozessen und der Umwandlung von Erkenntnis in Handlungsideen. Der Theorieteil wird ergänzt durch kulturvergleichende Untersuchungen zu frühkindlichen Selbstregulationsprozessen sowie durch einen Beitrag zur „Evolutionspsychologie der ersten drei Lebensjahre“. Was A. Chasiotis hier zusammenträgt, war mir ebenso informativ wie gelegentlich gewöhnungsbedürftig. Begriffe wie „Opportunitätskosten“, „Passungsaufwand“ oder „parentales Investment“ wirken hier ebenso unsentimental wie möglicherweise (Denk-)Spielraum erweiternd. Die Umsetzung in die Praxis spiegelt sich hier insbesondere in Erfahrungen der Baby- sprechstunde Osnabrück wieder. Borke skizziert Sinn und Werdegang der Stelle. Su- pervision aus Sicht der Supervisoren (Hawellek, von Schlippe) erhält – als Pendant zum Konzept der „ausreichend guten Mutter“ – eine Rahmung als „Good Enough“- Counseling. M. Grabbes Orientierung am Konzept der „Bündnisrhetorik“ zeigt sich in seiner gewohnt bodenständig-pfiffigen Auseinandersetzung mit „Elternkompetenz – Vom Leidfaden zum Leitfaden“. Besonders anregend fand ich die drei Beiträge zu „zentralen Schwierigkeitsberei- chen“. Drei AutorInnengruppen stellen Grundlagen, Interpretationshilfen und prak- tische Anregungen vor zu Themen, die in der Interaktion zwischen Eltern und Klein- kind oft dramatische und nicht selten traumatische Bedeutung gewinnen: exzessives Schreien, Schlafstörungen und Fütterstörungen. Ich vermute, dass es insbesondere diese drei Beiträge sein werden, die PraktikerInnen mit besonderer Aufmerksamkeit lesen und hinsichtlich ihrer Praxisanforderungen als hilfreich erleben werden. Die AutorInnen erweisen sich als erfahren, belesen und in der Lage, die Brisanz der The- men sowohl zu verdeutlichen wie die Möglichkeiten der Hilfe ohne Übertreibungen, doch ermutigend darzustellen. Deutlich wird, dass Hilfen hier nicht nebenbei erledigt werden können, sondern einen relativ hohen Aufwand erfordern, insbesondere auch in der Abstimmung oft unterschiedlicher beteiligter HelferInnen. Auf solcher konzen- trierten Basis müssen die Hilfen gar nicht lange dauern, entscheidend scheint die Stimmigkeit des Vorgehens. Das notwendige Themenwissen der HelferInnen kann nur dann in Form praktischer Hilfeanregungen wirken, wenn sich dieses Wissen den Eltern als für sie selbst stimmig erweist. Dies wiederum bedarf der stimmigen Kommunika- tion zwischen Hilfesuchenden und Hilfeanbietenden. Wer alleine glaubt zu wissen, was hilft, bleibt auf diesem Wissen ansonsten sitzen. Nicht nur Kleinkinder fremdeln, auch Erwachsene, wenn sie sich nicht sicher genug sind, dass Anregungen zur Verän- derung ihrer Situation mit ihren Möglichkeiten vereinbar sind. Ebenfalls informativ und nützlich erscheinen mir die vier Beiträge, in denen „Spezi- fische Familiensubsysteme“ im Hinblick auf ihre Bedeutung für frühkindliche Erfah- rungen und Konstellationen diskutiert werden. Hier kommt mütterliches Wohlbefin- den während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbettzeit zur Sprache, die Situation von Vätern wird beleuchtet, ebenso Geschwisterbeziehungen in der frühen Kindheit. Dass der Übergang von der Partnerschaft zur Familie nicht immer so „freudig“ daher- kommt wie das sprichwörtlich so genannte „Ereignis“, ist ein oft und breit diskutiertes Thema in der Literatur, wird hier noch einmal schön zusammengefasst unter dem pas- senden Titel „Auch positive Ereignisse erfordern Bewältigung“. Der Beitrag liest sich etwas spröder als einige andere Texte des Readers, doch sein Gehalt ist brauchbar Buchbesprechungen systeme 2009, Jg. 23 (1): 114-126