192 Die Gipsabgüsse und Gipsergänzungen der frühen Olympiagrabung 1875 – 1881 Astrid Fendt Stefanie Klamm Gipsabgüsse als Stellvertreter für Originalstatuen und das re- versible Material Gips für die Ergänzung und Rekonstruktion von antiker Plastik spielten bei den 1875 einsetzenden Ausgra- bungen der Berliner Museen in Olympia eine zentrale Rolle. Wesentlicher Grund dafür war der 1874 / 75 zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Griechenland abge- schlossene Grabungsvertrag. Dieser sicherte Griechenland von Anfang an das Eigentumsrecht über alle Funde und die Entscheidung über die eventuelle spätere Abgabe von Dublet- ten zu. Deutschland erhielt im Gegenzug das ausschließliche Recht, Kopien und Abformungen aller ausgegrabenen Ge- genstände herzustellen1. Funde, wie die Skulpturen, und For- schungsergebnisse konnten fast ausschließlich in Form von Reproduktionen präsentiert werden. Das alleinige Reproduk- tions- und Verwertungsrecht bot den Ausgräbern dafür Ent- schädigung. Durch Gipsabgüsse konnten die Skulpturen in repräsentati- ver Form der Öffentlichkeit vorgeführt werden; der Abguss war ebenso ein entscheidendes Werkzeug für die Zusammenset- zung, Analyse und Interpretation der Plastik. Die Wiedergabe der Artefakte im Maßstab 1 : 1 und in der drien Dimension durch den Abguss machte ihn für die Wissenschaſtler sehr wertvoll; die Herstellung von Gipsabgüssen und ihren Formen war jedoch aufwändig und teuer. Sie nahmen daher mit Ab- stand die größte Position in den laufenden Ausgaben der Gra- bung ein. In Olympia hae vor allem der italienisch-stämmige Gipsformer Napoleone Martinelli, in Athen ansässig, 1875 den Auſtrag bekommen, die Gipsformen der gewünschten Skulptu- ren nach Maßgabe der Ausgräber anzufertigen 2 . Aufgrund der Kostspieligkeit der Abgüsse wurde mehrfach von Seiten des Direktoriums der Ausgrabungen versucht, die Anzahl der abzu- formenden Artefakte auf die wichtigsten bzw. »nur die werthvolls- ten« Objekte und vor allem die griechische Originalskulptur zu beschränken 3 . Neue Anordnungen Mit Hilfe von Abformungen konnte Georg Treu, der Bearbeiter der olympischen Skulpturenfunde, die zahlreichen Fragmente, die nun einfacher und über den Ausgrabungsort hinaus hand- habbar wurden, zusammensetzen und auf experimentelle Weise verschiedene Arrangements ausprobieren. Dies galt insbeson- dere, wenn die Identifizierung und Anordnung der Skulpturen wie beim Ostgiebel des Zeus-Tempels zunächst unklar war. Von ihr »überzeugt ein Versuch mit den Abgüssen in dem richtig ge- bauten Rahmen ohne weiteres«4. Nur durch Gipsreproduktionen in Originalgröße war also eine Wiederherstellung zuverlässig möglich: »Aber ich hielt es für eine unabweisliche Pflicht, diese Ergänzung der olympischen Funde nicht nur in Worten und auf dem Papier, auch nicht bloß an kleinen Modellen, sondern im Großen an den Abgüssen zu versuchen. Es war dies das einzige Miel, um das, ohnehin noch überweite Gebiet möglicher Irrtü- mer einzuengen«5. Abgüsse von den Formen waren in der Gipsformerei der Königlichen Museen in Berlin angefertigt worden, welche die in Olympia hergestellten Formen erhalten hae und bis heute in ihrem Besitz hat (Abb. 1). Zusammenfügungen waren zwar zum Teil bereits am Grabungsplatz mit den Originalen versucht wor- den, in größerem Umfang jedoch erst mit den Abformungen in Berlin sowie ab 1882 in Dresden, als Georg Treu Direktor der dor- tigen Antiken- und Abguss-Sammlung wurde. Bereits während der Grabungskampagnen erfolgten Ausstellungen der Gipsab- güsse in Berlin, zunächst in der Rotunde des Alten Museums, darauf in den größeren Räumen der Dombaustäe, die für die Errichtung des neuen Berliner Domes erbaut worden war6. Treu halfen dort wie in Dresden bei der Montage und den Zusammen- setzungen mehrere Bildhauer und Beamte der Gipsformerei7. Diese Arbeiten mit Gips resultierten in verschiedenen Rekonst- ruktionsentwürfen für Giebelfelder und Metopen, Modelle der 1 Die während der ersten Olympiagrabung angefer- tigten Gipsformen der olympischen Skulpturen werden bis heute in den Magazinen der Gipsforme- rei der Staatlichen Museen zu Berlin aufbewahrt. Außer den Formen von 163 grö- ßeren Fragmenten sind hier auch diejenigen von rund 1000 dazugehörigen Bruchstücken deponiert 2 Im Olympia-Saal der Ab- guss-Sammlung im Alber- tinum in Dresden wurden die unterschiedlich großen Gipsrekonstruktionen der Nike des Paionios verglei- chend nebeneinander präsentiert DIE ERFORSCHUNG OLYMPIAS