Ecocriticism oder: Wenn die Literatur vom Anderen spricht Serenella Iovino (Turin) Literatur spielt eine Schlüsselrolle in der Umwelterziehung und in der Repräsentation ökologisch relevanter Themen und Probleme. Zu diesen Themenkontexten gehören umweltbezogene Werte und Krisen (globale Erwärmung, massenhafter Verlust an Artenvielfalt, ökosoziale Konflikte, verschiedene Formen menschlicher und natürli- cher Ausbeutung), aber auch die Dialektik von menschlicher und nichtmenschlicher Natur (unser Verhältnis zu nichtmenschlichen Lebewesen, unsere Rolle in der evolu- tionären Dynamik, die Schaffung und Zerstörung von Landschaften). Aus der Sicht der zeitgenössischen Literaturtheorie können all diese Themen zusammengefasst werden in einer Richtung der Literatur- und Kulturkritik namens Ecocriticism, eine Disziplin die an amerikanischen Universitäten in den späten 1980er Jahren entstand und seither auch in Europa zunehmend einflussreich geworden ist. Ich werde mei- nen Beitrag in zwei Teile gliedern, einen theoretischen und einen praktischen. Im theoretischen Teil werde ich zunächst einen allgemeinen Überblick über den Ecocriti- cism geben und danach meinen eigenen persönlichen Zugang zu diesem Forschungs- gebiet skizzieren. Im praktischen Teil werde ich mich auf Textbeispiele beziehen und insbesondere eine ökokritische Interpretation eines wie ich meine sehr bedeutenden, wenn auch nicht besonders berühmten italienischen Romans des letzten Jahrhun- derts vorstellen, nämlich Anna Maria Orteses L’Iguana, auf Italienisch erschienen 1965 und ins Deutsche übersetzt 1988 unter dem Titel Iguana. Ein romantisches Mär- chen. 1 I. Was nun ist der Ecocriticism? Der Ecocriticism oder die Literaturökologie, wie sie im Deutschen auch genannt wird, ist eine Form der Literatur- und Kulturkritik, die eine besondere Aufmerksamkeit auf Umweltfragen und ökologische Beziehungen in Texten und Diskursen richtet, oft auch verbunden mit dem Ziel, ein Bewusstsein über die Werte zu wecken und zu intensivieren, um die es bei Fragen des Umwelt- schutzes und umweltbezogener Konflikte geht. 2 Der Ecocriticism ist also an der 1 Die in diesem Beitrag benutze deutsche Ausgabe ist ein Reprint der Übersetzung von Siegfried Vagt aus dem Jahr 1991. 2 Einen Überblick über Ecocriticism im englischensprachigen Raum liefern Glotfelty, Fromm 1996; Coupe 2000; Garrard 2004; Buell 2005; und die neuerschienenen Clark 2011 und Goodbody, Rigby 2011.