Phenomenology and Analysis: Essays on Central European Philosophy. Arkadiusz Chrudzimski and Wolfgang Huemer (eds), Frankfurt: ontos, 2004, 105–130. Meinong und Supervaluation ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI * Meinong hat seine Gegenstandstheorie als eine philosophische Disziplin verstanden, die im Vergleich zur Metaphysik viel umfassender ist. Die Me- taphysik beschäftigt sich mit allen Entitäten, die existieren. Meinongs Ge- genstandstheorie behandelt hingegen auch nicht-existierende Gegenstände wie Zentauren, goldene Berge und runde Dreiecke. Er hat wiederholt be- hauptet, dass man wahre Aussagen über nicht-existierende Gegenstände machen könne, und hat daraus geschlossen, dass es sie deshalb in einem gewissen Sinne geben muss. Die Gegenstände, so genommen, wie sie im Rahmen der Gegenstandstheorie behandelt werden, sind also bezüglich ihrer aktuellen Existenz bzw. Nicht-Existenz gewissermaßen neutral. Meinong bezeichnet sie deshalb als „außerseiend” (Meinong 1904, 490ff.) oder als „jenseits des Seins und Nichtseins” stehend (Meinong 1904, 494). Vor diesem Hintergrund ist es völlig verständlich, dass die Meinong- sche Philosophie üblicherweise mit einem unüberschaubaren ontologischen Dschungel assoziiert wird. Die Rede von außerseienden Gegenständen, unter denen sich auch goldene Berge und runde Dreiecke befinden, veranlasst nämlich zur Annahme, dass Meinong sein ontologisches Universum erweitert. Alle (möglichen und unmöglichen) Gegenstände, von denen wir sprechen und denken, bilden eine weite Domäne, in der nur ein winziger Teil von den existierenden Gegenständen besetzt wird. Wir wollen indessen zeigen, dass es auch andere Interpretationsmög- lichkeiten gibt. Vieles davon, was Meinong geschrieben hat, lässt sich im Rahmen einer sparsamen Ontologie interpretieren, indem man zunächst die Wahrheitsbedingungen für Sätze mit leeren singulären Termen supervalua- tionistisch erklärt und dann die existentielle Quantifizierung substitutiv interpretiert. * Der Aufsatz hat den Gesprächen des Autors mit Prof. Edgar Morscher (Salzburg) viel zu verdanken. Ich bedanke mich bei Heinrich Ganthaler und Wolfgang Huemer für die sprachlichen Korrekturen und beim Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen For- schung (FWF) für die finanzielle Unterstützung.