Einleitung Aus historischer Sicht wird allgemein davon ausgegangen, dass Metallurgie eine außerordentliche, wenn nicht sogar entscheidende Rolle in der Menschheitsentwicklung ge- spielt hat. Das relativ seltene Vorkommen von Erzen in der Natur und die technische Komplexität ihrer Verarbeitung ist ohne eine zunehmende Spezialisierung innerhalb der Bevöl- kerung auf die jeweiligen Arbeitsschritte schwer vorstellbar. Außerdem schuf der Metallguss in Gussformen die Vorraus- setzung für eine Serienproduktion bestimmter Objekte. Auch die Möglichkeit, Metallgegenstände immer wieder ein- zuschmelzen, dürfte zu einer Steigerung der Produktivität im Vergleich zur Herstellung gleichartiger Steinartefakte geführt haben. Unter Metallurgie versteht man jedoch nicht nur die Entwicklung bestimmter Gebrauchsgegenstände, sondern auch das Erscheinen neuer Gewaltmittel, womit die Grundlage für bestimmte politische Machtstrukturen ge- schaffen wurde. Es stellt sich allerdings die Frage, ob Technologie im All- gemeinen und die Metallurgie im Besonderen tatsächlich einen so entscheidenden Einfluss auf die soziale und wirt- schaftliche Organisation der neolithischen Gesellschaft hat- ten. Beobachtungen aus der Archäologie und Ethnologie zei- gen, wie unterschiedlich die Metallurgie soziale Strukturen verändert hat. Selbst wenn man davon ausgeht, dass eine solche Technologie bestimmte Veränderungen über einen längeren Zeitraum zur Folge hatte, muss man sich fragen, in welcher Weise und in welchem zeitlichen Rahmen sich das Aufkommen der Metallproduktion auf die sozialen und poli- tischen Strukturen in verschiedenen Gebieten auswirkte. Unzweifelhaft konnte sich die Gesellschaft der langfristigen Folgen anfangs nicht bewusst sein, die die Bearbeitung des neuen Rohstoffs mit sich brachte. Auch Fortschritte in der Herstellung veranlassen die meisten nichtkapitalistischen Gesellschaften nicht, eine technische Innovationen zu ak- zeptieren, wenn diese zu entscheidenden Veränderungen innerhalb der bestehenden sozioökonomischen Strukturen führt. Szenarien des Widerstandes sollten also genauso vor- stellbar sein wie eine relativ schnelle Akzeptanz unter be- stimmten sozioökonomischen Voraussetzungen. Die Aufteilung Europas im 5. Jt. v. u. Z. in zwei sich ab- grenzende Gebiete – in eine östliche »metallurgische« und eine westliche Region, in der Jadeitbeile zirkulierten und Schneide- und Bohrgeräte ausschließlich aus Stein und Kno- chen hergestellt wurden (Petrequin u. a. 2oo2) – deutet an, welche Widersprüche der Gebrauch von Metall in der Ge- sellschaft auslöste. Das Auftreten der Metallurgie in Westeu- ropa und im westlichen Mittelmeerraum etwa tausend Jahre später kann kaum auf ein Fehlen geeigneter Rohstoffe oder mangelnder technischer Fähigkeiten in diesen Gebieten zu- TAGUNGEN DES LANDESMUSEUMS FÜR VORGESCHICHTE HALLE • BAND 05 • 2010 Macht und Metall im 3. und 2. Jt. v. u. Z. im Südosten der Iberischen Halbinsel Vicente Lull, Rafael Micó, Cristina Rihuete Herrada und Roberto Risch Abstract Power and metal in the third and second millennium BC in the south-east of the Iberian Peninsula Archaeological research in the south-east of the Iberian Peninsula carried out over the last decades has allowed us to gain a better understanding of the social structures of the Copper and Bronze Ages. As in other parts of the Old World, the question of the importance of metallurgy for the economic and political development of society also arises in this region, which is well known for its rich ore deposits. After a general introduction into the so-called »Los Milla- res culture« and »El Argar culture« and the forces of produc- tion implied in metal working, the relations of production and consumption through which metal circulated are contrasted. The spatial and temporal distribution of the available evi- dence on metal production and use informs us about the changes in social access to a growing variety of metal objects, which were gaining an increasing economic and political importance. In doing so it becomes evident how far the econom- ic organization of metallurgy and the political structure of so- ciety were mutually related. Keywords: early metallurgy, power, Los Millares, El Argar Zusammenfassung Die archäologische Forschung der letzten Jahrzehnte im Südos- ten der Iberischen Halbinsel hat entscheidend zu einem besse- ren Verständnis der Sozialstruktur in der Kupfer- und Bronze- zeit beigetragen. Auch in diesem an Erzvorkommen reichen Gebiet stellt sich – wie in anderen Teilen der Alten Welt – die Frage, welche Auswirkungen die Metallurgie auf die Entwick- lung der Gesellschaft und ihrer politischen Organisation hatte. Nach einer Einführung in die sogenannte »Los Millares- Kultur« und »El Argar-Kultur« und ihre metallurgischen Pro- duktivkräfte werden die Produktions- und Konsumptionsver- hältnisse gegenübergestellt, durch die Metall zirkulierte. Die räumliche und zeitliche Verteilung der bekannten Nachweise von Metallproduktion und -gebrauch gibt über die Verände- rungen des sozialen Zuganges zu einer immer größer werden- den Vielfalt an Metallgegenständen Aufschluss, die zunehmend an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung gewannen. Hier- bei wird deutlich, inwieweit die wirtschaftliche Organisation der Metallurgie und die politische Struktur der Gesellschaft wechselseitig voneinander abhängig waren. Schlüsselbegriffe: frühe Metallurgie, Macht, Los Millares, El Argar