Bull. Soc. Suisse d’Anthrop. 4(2), 1998, 13-25. 13 Erfahrungen mit der Rekonstruktion des Ernährungszustandes prähistorischer Skelette 1 Miriam Noël Haidle Summary Nutritional conditions of prehistoric and historic populations can be modelled by theoretical esti- mations of available food resources per person, by written sources about food prices, losses of harvests and famines, or by analysis of the nutritional status of skeletons. There are several traits of general protein-energy-malnutrition cited in the literature. The best known are enamel hypoplasias, Harris’s Lines as unspecific markers of single interruptions in growth caused by individual crisis of nutrition and health, and body height as a cumulative marker of supply-related stress during phases of growth. But to some extent even these characteristics lack the basic knowledge about causality, development and especially assessment of the age at formation. Despite all problems, the skeletal approach to the assessment of nutritional status is the most useful for comparisons among several populations from different periods or regions and may also be used to distinguish among social groups within a population. Einführung Ernährungszustände von Individuen und die daraus abgeleitete Versorgungssicherheit ganzer Populationen stehen im Spannungsfeld zwischen Vorgeschichte/Geschichte einerseits und Physischer Anthropologie andererseits. Unterernährung, Versorgungskrisen und Hungersnöte, aber auch paradiesische Zustände mit überreichlichem Fleischgenuss werden für die ver- schiedenen Zeiten immer wieder postuliert (Haidle 1997); die Schwierigkeit besteht darin, dies zu belegen. Es wurde versucht, dieser Fragestellung mit verschiedenen Ansätzen zu be- gegnen, die unterschiedliche Potentiale und Probleme aufweisen. Zum einen bietet der theoretische Ansatz (z.B. Gross et al. 1990, Caselitz 1986), der, ausge- hend von verfügbaren Ressourcenarten und Abschätzungen ihres Ertrags unter vorgeschicht- lichen und historischen Bedingungen, die Versorgungslage einer Bevölkerung abwägt, die Möglichkeit, die Bedeutung unterschiedlicher Nahrungsbestandteile gegeneinander abzu- schätzen. Die an archäologischem Material zu überprüfenden hypothetischen Ergebnisse die- ses Ansatzes können als Grundlage weiterer Forschungen dienen und den Blick für bislang nicht erwogene Modelle öffnen. Sie erlauben allerdings keine Aussagen über die tatsächliche Versorgungssicherheit früherer Populationen. Zum anderen ermöglicht der Schriftquellenansatz (z.B. Abel 1965, Teuteberg 1972) einen di- rekteren Zugang zur Versorgungslage historischer Bevölkerungen anhand von schriftlichen Zeugnissen, Momentaufnahmen von als besonders berichtenswert erachteten Ereignissen und 1 Vortrag, gehalten an der Jahresversammlung der AGHAS am 25. April 1998 in Basel.