otherscene.org Januar 2013 Lacan und Lorenzer Thierry Simonelli (Leicht erweiterter Text des Vortrags „Die Sprache und das Unbewusste bei Lacan und Lorenzer“, gehalten am Saarländischen Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie (SIPP), im November 2012.) Einleitung Der Vergleich von Lorenzer und Lacan scheint zunächst auf der Hand zu liegen. Ganz allgemein scheinen beide eine Rekonstruktion 1 der freudschen Theorie auf dem Hintergrund einer Sprachtheorie zu bewerkstelligen. Lacan vertritt meines Erachtens die radikalste Ausführung einer solchen Rekonstruktion. Nach Lacan hatten ja Freuds Entdeckungen ihren richtigen theoretischen Ausdruck noch nicht gefunden, da es Freud, Lacan zufolge, an einer Sprachtheorie mangelte. So denkt Lacan, dass seine sprachtheoretische Revision von Freud im Grunde freudianischer als Freuds eigenes Denken ist 2 , weil erst Sie den Freudschen Entdeckungen ihr wirkliches Fundament geben. Lange vor Habermas findet man also schon bei Lacan die Idee eines szientistischen Selbstmissverständnisses 1 Siehe Habermas’ Unterscheidung von „Restauration“ und „Rekonstruktion“: Habermas, 1976, S. 9 2 Lacan behauptet noch 1980, nach der Auflösung seiner École Freudienne de Paris (1964 gegründet), und wenige Monate vor der Gründung der Ecole de la Cause Freudienne: „C’est à vous d’être lacaniens, si vous voulez. Moi, je suis freudien.“ (Lacan, 1981, p. 30: Es steht ihnen frei Lacanianer zu sein wenn sie das möchten. Ich bin Freudianer.) In seiner eigenen Auslegung wäre Lacan also der wahre Freud.