59 Lesen nach der Rechtschreibreform Orthografie oder Orthographie? Lesen nach der Rechtschreibreform – eine Blickbewegungsstudie Verena Engl, Florian Hutzler, Arthur M. Jacobs, Melissa L.-H. Võ und Mario Braun Freie Universität Berlin Sonderdruck aus: Zeitschrift für Psychologie, 214 (2), 59–72 © Hogrefe Verlag Göttingen 2006 DOI: 10.1026/0044-3409.214.2.59 Zusammenfassung. Vor zehn Jahren wurde eine Reform der deutschen Orthografie beschlossen. Anhand einer Blickbewe- gungsstudie, an der sowohl erwachsene Leser als auch Kinder teilnahmen, sollte untersucht werden, welche Auswirkungen die Rechtschreibreform auf das Lesen hatte. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise dafür, dass die Rechtschreibreform die Worter- kennung insgesamt nicht beeinträchtigt hat. Lediglich die Wörter zum Erhalt der Stammschreibung in Zusammensetzungen (Balletttänzerin vs. Ballettänzerin) konnten sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen in alter Rechtschreibung schneller gelesen werden. Ein gemischtes Bild ergab sich außerdem bei der Getrenntschreibung (kennen lernen vs. kennenlernen): Hier können zwar Erwachsene die zusammengeschriebenen alten Wörter besser verarbeiten, Kinder hingegen die neu auseinander geschriebenen. Einerseits wird für die konsequente Umsetzung einer einheitlichen Schreibweise vor allem im Sinne der Kinder plädiert, andererseits auf die Notwendigkeit empirischer Studien zur Absicherung theoretischer Vorüberlegungen hingewiesen. Schlüsselwörter: Rechtschreibreform, Wortverarbeitung, Blickbewegungen m m m m mm Reading after the German spelling reform Abstract. Ten years ago the decision was made to reform German spelling. In an eye movement study we examined which kind of effects the spelling reform had on reading performance. In addition to eye movement data from adults, we recorded children’s eye movements during reading. Overall, the results provide no indication for a negative influence of the spelling reform on word processing. However, for words of the category “conservation of the root in compounds” (e. g., Balletttän- zerin vs. Ballettänzerin) children as well as adult readers showed better reading performance with the old spelling. Moreover, we observed mixed results for the parted writing (e. g., kennen lernen vs. kennenlernen): Adult readers showed a better reading performance for old (i. e., combined) words, but children for new (i.e., separately written) words. On the one hand, we argue for a consequential implementation of a consistent orthography for the sake of children who are learning to read and write; on the other hand, we emphasize the necessity of empirical studies to examine the theoretical considerations underlying the reform. Key words: German spelling reform, word processing, eye movements Seit dem Schuljahr 1998/99 wurden die auf der Grundlage der zweiten Rechtschreibreform vereinbarten Neuregelun- gen der deutschen Rechtschreibung für rechtmäßig er- klärt. Befürworter und Gegner der Rechtschreibreform äußerten in der Öffentlichkeit ihre teilweise konträren Mei- nungen, die oftmals emotional aufgeladen diskutiert wur- den. Ziel dieses Beitrages ist es, die Leseleistung nach der Rechtschreibreform experimentell zu untersuchen und an- hand empirischer Daten die Reformdebatte zu versach- lichen. Es soll der Frage nachgegangen werden, a) ob die Regeländerungen der Rechtschreibreform 8 Jahre nach der Einführung noch Auswirkungen auf das Lesen haben, b) eine Umstellung der Bevölkerung auf die neue Recht- schreibung schon eingesetzt hat und c) ob eine erneute Reformierung der Regeln die Leseleistung von Kindern, die nur nach der neuen Rechtschreibung beschult wur- den, beeinträchtigen würde. Die Änderungen der Rechtschreibreform Die Zielsetzung der Rechtschreibreform war, durch eine Reduzierung der Regeln das Rechtschreibsystem hand- habbarer und leichter erlernbar zu machen, aber gleichzei- tig eine Beeinträchtigung des Lesens auszuschließen. Um diese Erleichterung zu realisieren, wurden unter anderem die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung, zur Groß- und Kleinschreibung und zur Laut-Buchstaben-Zu- ordnung vereinfacht (für eine ausführliche Beschreibung der Regeländerungen siehe Heller, 2004). Das durch viele Sonderregeln belastete System der Getrennt- und Zusammenschreibung sollte vor allem dadurch überschaubarer werden, dass von der Getrennt-