Cornelius Puschmann Technisierte Erzählungen? Blogs und die Rolle der Zeitlichkeit im Web 2.0 1. Not just a guy in his pajamas Im Rahmen der bekannten Nachrichtensendung 60 Minutes zeigte der US-Nach- richtensender CBS im Jahr 2004 einen Bericht, in dem der Armeedienst des damaligen Präsidenten George W. Bush kritisch beleuchtet wurde. Der Bericht legte nahe, der Präsident habe durch die politische Prominenz der Bush-Familie eine bevorzugte Be- handlung erhalten und seinen Dienst als Armeeflieger wenigstens teilweise nur auf dem Papier geleistet. In der Sendung wurden offizielle Dokumente der US-Streitkräfte gezeigt, die diesen Verdacht substantiieren sollten. Nach der Ausstrahlung wurde im Internet, speziell in einer Reihe von politischen Blogs, die Authentizität der Dokumen- te kritisch diskutiert. Aufmerksame Blogger mit einschlägigem Wissen über die Ar- beitsprozesse der US-Streitkräfte monierten, dass Details, wie etwa das Schriftbild der gezeigten Unterlagen, nicht mit den historisch gesicherten Informationen überein- stimmten. Auf die Kritik aus dem Netz angesprochen, äußerte sich der verantwortliche Vizepräsident von CBS, Jonathan Klein, der später zum Chef des Senders CNN auf- stieg, so: "You couldn't have a starker contrast between the multiple layers of check and balances [at 60 Minutes] and a guy sitting in his living room in his pajamas wri- ting" (zitiert nach Carrol 2010: 143). Die Zweifel an der Echtheit der von 60 Minutes genutzen Quellen erhärteten sich später und die Kritik wurde für CBS so unangenehm, dass Dan Rather, der Moderator der Sendung, schließlich im März des folgenden Jah- res nach knapp zwei Jahrzehnten in dieser Funktion zurücktrat. Kleins Charakterisie- rung eines stereotypen Bloggers – ein Typ, der im Schlafanzug vor seinem Computer im Wohnzimmer sitzt – wurde heftig und zum Teil hämisch von der Netzgemeinde kommentiert und die maßgebliche Rolle politischer Blogs für die Kontrolle der journa- listischen Arbeitspraxis in Folge immer häufiger positiv herausgestellt. "Memogate", wie der Skandal bald genannt wurde, verdeutlicht die kritische Haltung, mit der Vertreter der Massenmedien der damals noch vergleichsweise neuen Kommu- nikationsform des Weblogs entgegentraten. Ein solch undifferenziertes Bild von Blogs und ihren Nutzern dürfte sich heute so kaum noch ein Journalist leisten, denn ihr Ein- fluss gerade auf die Massenmedien ist inzwischen schlicht zu groß. Weblogs haben seit ihrer Genese als per Hand aktualisierte Linklisten in den späten 1990er Jahren stark an Verbreitung gewonnen und sich zugleich deutlich weiterentwickelt und ge- wandelt. Aus einem subkulturellen Randphänomen, erdacht von Internet-Enthusiasten der ersten Stunde, ist eine Massentechnologie geworden, die einerseits global genutzt wird und die andererseits in den unterschiedlichsten Lebensbereichen Wirkung entfal-