KRITERION Nr. 17 (2003), pp. 23-27 Rezension: Was wir Karl R. Popper und seiner Philosophie verdanken Anglberger, A., Br¨ossel, P., Furlan, N., Greinecker, F., Karlegger, M., Pfeifer, N., Stefan, M. & Ungar, A., * Universit¨at Salzburg, ¨ Osterreich Der Band Was wir Karl R. Popper und seiner Philosophie verdanken wurde zum hundertsten Geburtstag des – neben Wittgenstein – wohl po- pul¨arsten ¨osterreichischen Philosophen des zwan- zigsten Jahrhunderts von Edgar Morscher heraus- gegeben. Das Institut f¨ ur Philosophie der Univer- sit¨at Salzburg hat eine besondere Beziehung zu Karl Popper. Nicht nur das philosophische Na- heverh¨altnis zur Analytischen Philosophie, son- dern auch ein pers¨onliches: durch den ehemaligen Popper-Sch¨ uler Paul Weingartner, welcher nun seinen Lehrstuhl f¨ ur Logik und Wissenschaftstheo- rie an Reinhard Kleinknecht weitergegeben hat, und durch Georg Dorn, welcher mit Popper einen freundschaftlichen Briefwechsel f¨ uhrte, aus dem u. a. der Appendix *XX der 10. Auflage der Logik der Forschung hervorging [2]. Im folgenden wird nun Kapitel f¨ ur Kapitel durchbesprochen. Poppers Arbeiten zur Induktion und zur Wahr- scheinlichkeitstheorie waren wichtigster Gegen- stand des Briefwechsels zwischen ihm und Ge- org Dorn. Dieser Gedankenaustausch wird nicht nur wiedergegeben, sondern es werden die Hinter- gr¨ unde und Folgerungen ausf¨ uhrlich durchleuch- tet. Der erste Teil handelt von Induktion. Er enth¨alt zun¨achst Dorns erste logische Nachkon- struktion des Popper-Miller-Arguments und Pop- pers Kommentar dazu. Der Gedankenaustausch veranlasste Popper zu einer Definition der St¨ utz- funktion, zu einer Reformulierung des Popper- Miller-Arguments f¨ ur St¨ utzfunktionen und in wei- terer Folge schließlich zur Frage nach einer pas- senden Definition des Begriffs “positive St¨ utzung” * Jeder einzelne Autor hat ein oder mehrere Buchkapi- tel rezensiert. Es decken sich nicht notwendigerweise alle Aussagen mit den Meinungen der einzelnen Autoren. von Hypothesen. Im letzten Abschnitt geht Dorn von Poppers und Millers Idee von induktiver St¨ utzung aus und beweist zwei Theoreme, welche besagen, dass St¨ utzung nie, Schw¨achung aber im- mer echt induktiv ist. Die Frage nach Korrektheit und Angemessenheit der zugrundeliegenden Defi- nitionen bleibt jedoch offen. Der zweite Teil han- delt von Poppers Wahrscheinlichkeitstheorie. Die Besch¨aftigung mit den Popperschen ¨ Uberschuss- gesetzen f¨ uhrt zur Frage nach Poppers Definiti- on von probabilistischer Unabh¨angigkeit. Popper verwirft in seiner Wahrscheinlichkeitstheorie die Standarddefinition und entwickelt in seinen Brie- fen eine Reihe von anderen m¨oglichen Definitio- nen, die schließlich zu der Definition f¨ uhren, wel- che sp¨ater im Anhang *XX der Logik der For- schung angegeben wird. Die Abfolge von Proble- merkennung, L¨osungsvorschl¨agen und deren Ver- wurf oder Verbesserung zeichnet den ganzen Brief- wechsel aus. Dorns klare und exakte Ausf¨ uhrun- gen und insbesondere die vielen Beweise machen die Darstellung nachvollziehbar und verst¨andlich. Reinhard Kleinknecht geht in seinem Ka- pitel auf Poppers Wahrscheinlichkeitsbegriff ein und zeigt, wie letzterer eine Basis f¨ ur den Begriff des logischen Schließens sein kann. Kleinknecht zeigt, dass jede Wahrheitsfunktion eine Popper- Funktion ist und dass jede Popper-Funktion mit Werten nur aus {0, 1} eine Wahrheitsfunktion ist. Es werden die Begriffe der Substitutionsseman- tischen Folgerung, Popper-Folgerung und der ω- Ableitbarkeit definiert und deren ¨ Aquivalenz be- wiesen (Theoreme 4, 9 und 11). Die ¨ Aquivalenz dieser drei Begriffe bedeutet, dass deduktionslo- gische Begriffe wahrscheinlichkeitstheoretisch defi- niert werden k¨onnen. Kleinknechts Nachweis die- ser ¨ Aquivalenz ¨ uber den Umweg der ω-Logik ist einfacher und eleganter als H. Leblancs Methode, welcher diese ¨ Aquivalenz mithilfe eines ¨ ublichen Ableitbarkeitsbegriffs nachgewiesen hat. Poppers Kritik an der induktiven Logik ist we- sentlich bekannter als seine Beitr¨age zur dedukti- ven Logik, ¨ uber welche er sich selbst sp¨ater negativ ge¨außert hat. Peter Simons benutzt, Lejewski folgend, naive Mengenlehre, um Poppers Notati- on zu vereinfachen. So gelingt ihm eine ¨ ubersicht- liche Darstellung von Poppers Idee, logische Be- griffe einer Objektsprache metasprachlich opera-