Jürgen Vogt Modale Zeiten – Temporale Perspektiven einer pädagogischen Introduktion in Musikkultur Meine Damen und Herren 1 , ich möchte meinen Vortrag, dem Anlass gemäß, mit einem kleinen Antholz-Zitat beginnen, auf das ich eher zufällig gestoßen bin, und das auf den ersten Blick auch gar nichts Auffälliges oder gar Spektakuläres an sich hat. Es lautet: „Musikunterricht entwirft sich ja auf morgen, auf die Zukunft von Schülern und Gesellschaft hin, vollzieht sich heute und ist, eingestanden oder nicht, weithin Bedingungen und ideengeschichtlichen Horizonten von gestern unterstellt – seine ‚Geschichte’“ (Antholz 1975, S.23, Hervorhebungen JV). Entnommen ist dieses Zitat einem Antholzschen Aufsatz von 1975, der mit Mu- sikpädagogik heute – Zur Erkenntnis ihrer Geschichte und Geschichtlichkeit ihrer Erkenntnis betitelt ist. Das ist natürlich kein Zufall: Die Geschichte der Musikpädagogik, und nicht zuletzt die Geschichtlichkeit ihrer Erkenntnis, war immer ein antholzsches Haupt- und auch Sorgenthema. Antholz, der promovier- te Historiker, hat sowohl die Vergangenheitsvergessenheit der Musikerziehung, als auch die der wissenschaftlichen Musikpädagogik mehr als einmal vehement kritisiert. So glaubten z.B. zumindest einige Musikpädagogen Anfang der 1970er Jahre im gegenwarts- und zukunftsoptimistischem Überschwang, man könne durch einen radikalen Gegenwartsbezug des Musikunterrichts gleichzeitig die Zukunft pachten und den Ballast der Vergangenheit über Bord werfen. Heinz Antholz mahnte schon damals zur Vorsicht – wohl wissend, dass er von der Ge- genwartsfraktion ebenso Kritik als mutmaßlich Konservativer ernten würde, wie von der Vergangenheitsfraktion Schelte für einen viel zu wenig ausgeprägten Traditionalismus. Das oben angeführte Zitat spricht nun aber die ganze temporale Spanne an, in der jedes musikpädagogische Handeln notwendig eingelassen ist, und es ist erstaunlich zu sehen, dass die Musikpädagogik durch die Bank nach wie vor nicht nur erstaunlich „vergangenheitsvergessen“, sondern überhaupt recht „zeit- 1 Beim vorliegenden Text handelt es sich im Wesentlichen um den Vortrag, der am 27.10.2007 in Köln gehalten wurde. Der oftmals auch verkürzende und vereinfachende Gestus des Mündlichen ist absichtlich erhalten geblieben; sonst hätte ein ganz neuer Text geschrieben werden müssen. Die Fußnoten fungieren daher in erster Linie als Hinweise auf den theoretischen Hintergrund des vorgetragenen Textes, zu dem sicherlich weit mehr zu sagen notwendig wäre. 16