Die Beschreibung mentaler Phänomene: Zum Verhältnis von Philosophie und Neurowissenschaften WOLFGANG HUEMER Die Frage nach der Natur des menschlichen Geistes ist das zentrale Thema sowohl der Philosophie des Geistes, als auch der Neurowissenschaften. Die beiden Disziplinen stellen dabei allerdings verschiedene Aspekte in den Mittelpunkt: Während man in der Philosophie des Geistes Menschen als Personen versteht, die mit ihrer sozialen und physischen Umwelt interagie- ren und die Freiheit haben, gewisse Handlungen auszuführen und andere zu unterlassen, geht man in den Neurowissenschaften von der Tatsache aus, dass Menschen körperliche Wesen und als solche, wie alle materiellen Entitäten, den Gesetzen der Naturwissenschaften unterworfen sind. Menta- le Phänomene werden in den Neurowissenschaften als Prozesse des Ge- hirns (ev. in Verbindung mit anderen Teilen des menschlichen Körpers) verstanden, das, wie alle körperlichen Organe, vollständig durch eine Auf- listung der kausalen Prozesse, die sich in ihm abspielen beziehungsweise abspielen können, beschrieben werden kann. Der enorme Fortschritt der Neurowissenschaften in den letzten Jahr- zehnten setzt die Philosophie des Geistes unter einen Rechtfertigungs- druck: Er nährt die Hoffnung, dass es schon bald möglich sein wird, eine vollständige und naturwissenschaftlich exakte Theorie der Vorgänge im menschlichen Nervensystem zu formulieren, was eine philosophische Re- flexion mentaler Phänomene überflüssig zu machen scheint. Wie sollten auch philosophische Essays, die (einem alten Bild zufolge) in gemütlichen Lehnstühlen entworfen werden, mit den durch experimentelle Befunde be- legten und in der Sprache der Mathematik formulierten Theorien der Neu- rowissenschaften konkurrieren können? Die Tatsache, dass eine naturwis- senschaftliche Herangehensweise notorisch Schwierigkeiten hat, die für die philosophische Analyse zentralen Begriffe der Freiheit und des Handelns zu erklären, sehen viele Proponenten eines szientistischen Weltbildes nicht In: Gehirne und Personen, hrsg. von M. Fürst, W. Gombocz und C. Hiebaum, Frankfurt: ontos, 2008, pp. 99-111.