297 Alexander Gramsch, Ritual und Kommunikati- on. Altersklassen und Geschlechterdifferenz im spätbronze- und früheisenzeitlichen Gräberfeld Cottbus Alvensleben-Kaserne (Brandenburg). Universitätsforschungen zur prähistorischen Ar- chäologie 181. Bonn: Habelt 2010. VI, 406 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 100 Tafeln, 16 Tabellen, 2 Pläne. Kartoniert. ISBN 978-3-7749-3682-9. Euro 95,–. Kerstin P. Hofmann Vom Fund zum Befund, von der statischen Zu- standsbeschreibung zum dynamischen Aushand- lungsprozess – diesen Perspektivenwechsel voll- zieht die vorliegende Veröffentlichung. Unter der Vielzahl an jährlich publizierten Gräberfeldmate- rialvorlagen und -analysen gibt es in Deutschland inzwischen ganz vereinzelt, aber doch immer wie- der Studien, die statt den traditionellen Bahnen ungewohnte Wege einschlagen (S. V) und so theo- retisch-methodisches Neuland betreten. Dieses ist dann nicht nur für die jeweiligen Spezialisten einer Zeitstellung oder Region, sondern von all- gemeinem archäologischen Interesse. Zu diesen Werken zählt mit Sicherheit die hier rezensierte, im Jahr 2004 an der Universität Leipzig einge- reichte Dissertation, welche 2010 in einer für den Druck überarbeiteten Fassung publiziert wurde. Sie entstand im Rahmen des von der Betreue- rin, Sabine Rieckhoff, beantragten, vom Freistaat Sachsen 2001 bis 2003 geförderten interdisziplinä- ren Projektes „Herrschaft und Geschlechterdifferenz aus archäologischer und anthropologischer Sicht. Eine diachrone Studie am Beispiel Mitteldeutschlands im 1. Jahrtausend v. Chr.“, aus dem in enger Zusam- menarbeit auch eine anthropologische Dissertati- on zur Analyse von Leichenbrand als Quelle für Funeralpraktiken hervorgegangen ist (GROSSKOPF 2004). Die empirische Basis für die hier zu besprechende Studie wurde nicht – wie sonst oft bei theoreti- schen Arbeiten – nur von anderen gelegt, sondern der Autor leitete z. T. selbst die Ausgrabungen des metallzeitlichen Gräberfeldes von Cottbus Alvensleben-Kaserne. Es handelt sich auch nicht um eine Forschungsgrabung, sondern um eine im Zuge von Baumaßnahmen 1997/98 nur partiell von zwei Grabungsfirmen in Trassen und klei- neren Flächen durchgeführte Untersuchung, die den Fundplatz aber wohl in seiner zeitlichen und räumlichen Ausdehnung erfasste. Die von Käthe Rieken 1907 geborgenen Funde sind jedoch leider überwiegend verschollen und konnten deshalb nur auf Grundlage ihres Grabungsberichtes in Gramschs Auswertung einfließen (S. 21-23). Den Ausgangspunkt bildet somit ein in der alltägli- chen archäologischen Praxis geborgenes bzw. dokumentiertes Gräberfeld, das zudem keine spektakulären Befunde, sondern eher „ärmliche (S. V), häufig als kaum aussagekräftig angesehene Brandgräber aufwies. Zum methodischen Vorgehen ist zu vermerken, dass die während der von Gramsch geleiteten Grabung gefundenen Gefäße, soweit deren Zu- stand dies zuließ, en bloc geborgen und dann sys- tematisch in der Werkstatt untersucht wurden: durch die Inhalte in den Beigefäßen wurden so- weit möglich ein Profil angelegt, die Inhalte der Urnen dahingegen schichtweise dokumentiert, ausgenommen, z. T. beprobt und zur anthropo- logischen Analyse gegeben (S. 27). Ferner wurde systematisch nach Passscherben gesucht (S. 27f). Wie wichtig die genaue Durchsicht der Leichen- brände auch für die Ermittlung von Beifunden ist, zeigen einmal mehr die geborgenen Knochen- schaftfragmente und tierischen Überreste (S. 64 f.; 105 f.). Die Arbeit besteht aus 18 z. T. sehr feingliedrig unterteilten Kapiteln. Nach Einleitung, Frage- stellung und Zielen sowie Forschungsgeschichte (Kap. 1-3) wird das Gräberfeld Cottbus Alvens- leben-Kaserne mit seinen Befunden und Funden vorgestellt (Kap. 4 - 6). Anschließend wird seine relativ- und absolutchronologische Ansprache – vom Übergang der Fremdgruppen- zur Jung- bronzezeit bis einschließlich Billendorfer Gruppe (Ha A1–Ha C 1-2) mit Schwerpunkt Jüngstbron- zezeit bzw. späte Urnenfelderkultur; ca. 1200 -700 v. Chr. – diskutiert (Kap. 7). In Kapitel 8 wird dann die Belegungsabfolge anhand der relativ- chronologischen Datierung der Befunde horizon- talstratigraphisch von Nordwesten hangabwärts nach Südosten erschlossen (vgl. Plan 2), wobei durch den Nachweis von Passscherben gezeigt wird, dass diese nicht streng linear bzw. konti- nuierlich von statten ging. In Kap. 9 folgen die Ergebnisse der – anderen – naturwissenschaftli- chen Untersuchungen: Palynologie, massenspek- trometrische Gefäßinhaltsanalysen, chemische Analysen der Leichenbrand-Auflagerungen. Die anthropologische Auswertung wird in einem ei- genen Kapitel dargestellt (Kap. 10). Neben der üblichen, hier jedoch mit allen modernen Metho- den kritisch durchgeführten Bestimmung von Alter, Geschlecht und Pathologien wird dabei besonders detailliert auf die das Bestattungsritu- Archäologische Informationen 35, 2012, 297-302 Bücher