IN: I-COM – Zeitschrift für interaktive und kooperative Medien. Heft 2 /2005. S. 14-21. 14 Software-Entwicklung und Community-Kultivierung: ein integrativer Ansatz Isa Jahnke, Volker Mattick, Thomas Herrmann Keywords: Community, Software-Entwicklung, Spiralmodell, Lebensphasen, Community-Entwicklung Zusammenfassung: Der Beitrag zeigt in einem integrativen Ansatz, welche technischen Entwicklungen zur sozialen Kultivierung einer internet-unterstützten Community sinnvoll und notwendig sind. Anhand einer Fallstudie (Inpud-Community) wird einerseits die technische Entwicklung und andererseits die Bildung, Unterstützung und Förderung (Kultivierung) der sozialen Struktur beschrieben (soziotechnische Kultivierung). Wir möchten zeigen, dass klassische Software-Entwicklungs-Methoden für die Entwicklung von technischen Systemen zur Unterstützung der Community-Kultivierung durch die Berücksichtung von Lebensphasen-Modellen sinnvoll erweitert werden können. Dazu schlagen wir einen integrativen Ansatz vor, welcher die technische Entwicklung unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Entwicklung des sozialen Systems unterstützt. Der Beitrag möchte damit eine Diskussion zur Vorgehensweise bei der Software-Entwicklung im Kontext einer soziotechnischen Community-Kultivierung anstoßen. 1. Einleitung Im Rahmen des WIS-Projektes 1 wurden die Erfolgsfaktoren und Barrieren für eine erfolgreiche Studienpla- nung und Studiendurchführung (Studienorganisation) untersucht. Es lag die Forschungsfrage zugrunde, warum viele Studierende ihr Studium in der Phase des Grundstudiums (relativ spät) abbrechen. Die empiri- schen Befunde 2 weisen deutlich darauf hin, dass Studierende „theoretisch“ wissen, wie sie ihr Studium an- gemessen planen sollten. Aber sie tun es nicht. Die Hürde liegt in der praktischen Umsetzung. Wir vermuten, dass die praktische Umsetzung blockiert wird, weil ihnen zum Zeitpunkt der Planung notwendige Informati- onen zu den praktischen Erfordernissen eines realen Studienablaufs fehlen. Um die fehlenden Informationen zu ergänzen, wurde die Community namens „Inpud“ initialisiert. Die Inpud-Community kann als eine sozio- technische Gemeinschaft an einer Universität betrachtet werden, deren Informationsaustausch darauf abzielt, dass Studierenden ihre Studienziele in möglichst kurzer Zeit und mit möglichst hohem Erfolg erreichen können. Die Inpud-Community ermöglicht es Studierenden sich mit Kommilitonen/innen, aber auch Mitar- beiter/innen des Fachbereichs bspw. Studienberater/innen zur Studienorganisation online wie auch face-to- face auszutauschen. Nach der Definition des Begriffes „soziotechnische Community“ (2), beschreiben wir die Vorgehensweise und Entwicklung des technischen Systems und die Kultivierung der Inpud-Community (3). Hieran erläutern wir die verschiedenen Entwicklungs- und Kultivierungsphasen (3). Dann werden diese Kultivierungsphasen mit dem Lebensphasen-Modell von Wenger et al (2002) und dem Community-zentriertem Entwicklungsmo- dell von Preece et al. (2004) verglichen (4). Der Beitrag hat das Ziel einen integrativen Ansatz von Software- Entwicklung und Community-Kultivierung aufzuzeigen. Des Weiteren möchten wir eine Diskussion zur soziotechnischen Software-Entwicklung und Community-Kultivierung anstoßen (5). 2. Soziotechnische Communities Der soziotechnische Ansatz betont die wechselseitige Abhängigkeit zwischen dem sozialen System und den technischen Komponenten. „Soziale Prozesse sind die Basis für die Technikentwicklung und umgekehrt strukturiert die Medientechnik die sozialen Austauschmöglichkeiten“ (Döring 2003, S. 553). Ein soziotech- nisches System ist demnach ein Geflecht von sozialen Strukturen und technischen Systemen. Die Elemente ursprünglich zweier Systeme sind miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Wir folgen der Definition zu soziotechnischen Systemen nach Herrmann: „a combination of organisational, technical, edu- cational and cultural structures and interactions“ (Herrmann 2003, S. 60). Ursprünglich wurde der Begriff des soziotechnischen Systems in den fünfziger Jahren im Tavistock Institute London geprägt (Studien im englischen Kohlebergbau und in der indischen Textilindustrie), um die Interdependenzen zwischen techni- schen und sozialen Systemen zu erfassen. Schließlich hat Mumford (1987) dieses Konzept auf die Entwick- lung von Computersystemen bezogen. Communities (Gemeinschaften) sind nach Wenger „groups of people who share a concern, a set of problems, or a passion about a topic, and who deepen their knowledge and expertise in this area by interacting on an ongoing basis” (Wenger et al. 2002, S. 4). Communities werden dabei von Organisationen und Projektteams abgegrenzt. Denn in Abgrenzung zu Arbeitsorganisationen und Abteilungen zeichnen sich Communities durch ihre besonderen informellen Beziehungen aus (Snyder 1997, in: Lesser & Prusak 1999). So sind sie in besonderem Maße in der Lage, implizites Wissen zu transferieren. 1 WIS ist die Abkürzung für „Sofortprogramm zur W eiterentwicklung des I nformatikS tudiums an deutschen Hochschulen“ und wurde gefördert durch das MSWF NRW. Das Teilprojekt wurde im Rahmen eines Projektes durchgeführt, welches (die Einführung von) Wissensmanagement im betrieblichen Kontext untersuchte. 2 Die empirischen Ergebnisse sind an anderer Stelle veröffentlicht (bspw. Jahnke, Mattick, Herrmann 2005).