Francisco de Vitorias Philosophie: globalpolitisch, nicht kosmopolitisch Johannes Thumfart Obwohl dieser Beitrag Francisco de Vitorias Philosophie schon im Titel als eine globalpolitische bezeichnet, 1 gibt es zunächst gute Gründe, den sich heute entwickelnden Begriff der ›globalpolitischen Philosophie‹ in Bezug auf das 16. Jahrhundert für Unsinn zu halten. Im 16. Jahrhundert gab es sicherlich kaum eine Spur jener globalen kulturellen und ökonomischen Zusammenhän- ge, deren Vorhandensein uns heute selbstverständlich ist. Ja selbst der Begriff einer politischen Philosophie kann in Bezug auf die Arbeiten des Theologen Vitoria nur mit äußerster Vorsicht benutzt werden, insofern man es eben mit einem Denken zu tun hat, das keinesfalls wie etwa dasjenige von Vitorias Zeit- genossen Machiavelli schon in aller Klarheit auf das Politische in seiner säku- laren Form bezogen ist. Die These von einer globalpolitischen Philosophie Vitorias soll hier aber trotz dieser guten Einwände verteidigt werden. Da Vitoria tatsächlich so etwas wie eine res publica totius orbis konzipiert hat, eine ›politische Gemeinschaft der ganzen Welt‹, gibt es zumindest in rein semantischer Hinsicht ganz gute Grün- de, von einer globalpolitischen Philosophie bei ihm zu sprechen. Wie ebenfalls schon im Titel angedeutet wird, stellt sich aber gerade in Be- zug auf die philosophische Begriffsbildung vor allem die Frage, weshalb ich von einer globalpolitischen Philosophie anstelle einer kosmopolitischen Philo- sophie spreche, was zuallererst näher liegen würde. 2 Die kosmopolitische Phi- losophie hat eine sehr lange, auf den Stoiker Chrysipp und den Kyniker Dio- genes zurückgehende Tradition, in moderner Zeit wurde sie vor allem von Kant geprägt. Der Begriff der globalpolitischen Philosophie hat dagegen bis 1 Siehe auch Johannes Thumfart, Die Begründung der globalpolitischen Philosophie. Francisco de Vitorias Vorlesung über die Entdeckung Amerikas in ihrem ideengeschichtlichen Kontext. Berlin: Kadmos, 2011. 2 Georg Cavallar sieht in Vitorias Konzeption etwa »die wesentlichen Elemente des frühneuzeitlichen naturrechtlichen Kosmopolitismus« vorgezeichnet. Siehe: Georg Cavallar, »Cosmopolis. Supranationales und kosmopolitisches Denken von Vitoria bis Smith«. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 53 (2005), 54f. Bunge_Vitoria_PPR_II_2.indd 229 Bunge_Vitoria_PPR_II_2.indd 229 11.05.11 09:33 11.05.11 09:33