42 | 43 Absenz und Präsenz oder die Spur der Ameisen bei Joan Rosató. Überlegungen zum Beitrag von Paulus zur Genese christlicher Bildkultur* Beate Fricke Ein spätmittelalterlicher Maler fügt Paulus in den Kreis der vier Kir- chenväter ein. Der Apostel vermittelt zwischen ihnen und Christus, dessen Kreuzigung sie in einer gemeinsamen Vision erleben. Inte- ressant für die Frage nach der Bildung von Gemeinschaft, die sie als Visionäre formen, ist, welche Gedanken von Paulus den Maler zu dieser Erweiterung des Kreises motiviert bzw. die Kirchenväter zu ihrer Vision angeregt haben könnten. Eine Analogie, das »leere Zentrum« bei Paulus und das leere, nur durch die Vision einer Ge- meinschaft mit der Kreuzigung gefüllte Zentrum des Bildes von Ro- sató, führte mich zur Frage, welche Rolle die Schriften des Paulus bei der Ausbildung einer dezidiert christlichen Bildkultur seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. spielten. Dabei gehe ich weder davon aus, daß dem Maler des 15. Jahrhunderts diese Wurzeln bewußt waren, noch daß Paulus eine spezifisch christliche Inanspruchnahme des Bildes vorschwebte, wenn er über Konflikte innerhalb der christlichen Ge- meinden nachdachte. In seinen Briefen an sie schreibt er über deren Verhältnis zum kulturellen Kontext des Umfeldes der Adressaten, beispielsweise der römischen Gesellschaft. Vielmehr gehe ich davon aus, daß paulinische Gedanken, die explizit als Verhaltensregeln zur Stiftung von Gemeinschaft formuliert wurden, ein implizites