Berl.J.Soziol., Heft 1 2007, S. xxx-xxx 255 REVIEW ESSAY Raj Kollmorgen Rückkehr der Theorie? Transformation, Postkommunismus und Sozialtheorie Bönker, Frank/Klaus Müller/Andreas Pickel (Hrsg.) (2002): Postcommunist Transformation and the Social Sciences. Cross-Disciplinary Approaches. Lanham et al.: Rowman & Little- field, 296 S. Ekiert, Grzegorz/Stephen E. Hanson (Hrsg.) (2003): Capitalism and Democracy in Central and Eastern Europe. Assessing the Legacy of Communist Rule. Cambridge: Cambridge University Press, 376 S. Outhwaite, William/Larry Ray (2005): Social Theory and Postcommunism. Malden et al.: Blackwell, 256 S. Pfaff, Steven (2006): Exit-Voice Dynamics and the Collapse of East Germany: The Crisis of Leninism and the Revolution of 1989. Durham/London: Duke University Press, 334 S. Vielleicht geht es zu weit, von einer Krise post- kommunistischer Transformationsforschung zu sprechen. Offensichtlich haben aber „Forschungs- wut“ und Publikationsflut der 1990er Jahre spätes- tens mit dem Jahrhundertwechsel ihr Ende gefun- den, sodass vor allem für eine sozialtheoretisch anspruchsvolle Transformationsforschung zumin- dest von einer problematischen Lage gesprochen werden muss. Fragt man nach Gründen für die Flaute, erhält man gewöhnlich drei – teils alter- native, teils aufeinander sich beziehende – Ant- worten: Erstens seien die postkommunistischen Transformationen mittlerweile abgeschlossen, weshalb weniger geforscht und publiziert werde. Zweitens würden die dominanten theoretischen Ansätze – Modernisierungstheorie, Transitologie und neoklassische Wirtschaftswissenschaften – den gesellschaftlichen Realitäten nicht (mehr) ge- recht. Die Krise der Transformationsforschung sei insofern eine Krise ihrer konzeptuellen Grundla- gen. Drittens habe die Transformationsforschung allgemein nichts oder nur wenig zu den Sozial- wissenschaften beizutragen, da sie sich – trotz ge- genteiliger Hoffnungen und Ansprüche 1989/90 – von Anfang an neben den aktuellen Debatten in den Sozial- und Geisteswissenschaften bewegt habe. Die Forschung insgesamt habe sich mithin als theoretisch steril erwiesen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Bespre- chung der vier ausgewählten Bücher mit explizit sozialtheoretischem Anspruch als eine Art Lack- mustest interpretieren: Haben die Kommentatoren und Kritiker recht? Ist postkommunistische Trans- formationsforschung gleichsam zwangsläufig überholt und sozialtheoretisch unfruchtbar? I Der von Frank Bönker, Klaus Müller und Andre- as Pickel herausgegebene Sammelband Postcom- munist Transformation and the Social Sciences. Cross-Disciplinary Approaches vereinigt drei- zehn Beiträge, welche die theoretisch-konzeptuel- len Grundlagen der herrschenden postkommunis- tischen Transformationsforschung kritisch prüfen und alternative Ansätze entwickeln. Neben dem vorzüglichen Einleitungskapitel der Herausgeber (1-38), das sowohl einen „Lagebericht“ wie eine (meta-)theoretische Zusammenfassung des Ban- des bietet, lassen sich vier Schwerpunkte unter- scheiden: – das Feld politisch-ökonomischer und sozioöko- nomischer Transformationen und deren neolibe- rale Fundierung; – das Feld der europäischen und globalen Kon- texte, transnationalen Institutionen und Akteure und ihr Zusammenspiel mit den nationalen Ak- teuren;