Torsten Meyer Randgänge des Symbolischen – Kunst und aktuelle Medi- enkultur Ob das Fach Kunst seinen Namen zu Recht trägt, steht immer mal wieder zur Debatte. Ak- tuell, so scheint es, relativ dringlich. Die aktuelle Dringlichkeit hängt einerseits zusammen mit den allgemeinen Veränderungen im Bildungssystem am Beginn des 21. Jahrhunderts, die neue Anforderungen an die Schule stellen, andere Formen von Rechenschaft und Evaluation verlangen und auch andere Formen der zeitlichen, räumlichen und curricularen Organisation mit sich bringen. Andererseits hängt die Dringlichkeit der Diskussion über den Namen des Fachs zusammen mit Veränderungen dessen, was – dem Namen nach – Gegenstand des Fachs ist. Was war Kunst? »Was war Kunst?« Das fragt sich etwa Wolfgang Ullrich 1 , meint das zwar nicht ganz ernst, argumentiert dann aber immerhin für eine »Abrüstung« des Kunstbegriffs: »Tiefer hängen« – so sein Plädoyer für die Entlastung der Kunst von den überzogenen Ansprüchen, die den Begriff der Kunst in den vergangenen zwei Jahrhunderten zu einem »hypertrophen Gebilde« haben anschwellen lassen. Dieses Gebilde scheint nun zu kippen. Pauschal auf Kunst ge- richtete Glücks- und Erlösungsprojektionen sind seltener und schwächer geworden, die Kunst hat – so Ullrich – als »Fluchtpunkt der größten Sehnsüchte« ausgedient. So ist durch- aus denkbar, dass das Wort »Kunst« mit seiner »seltsamen und pompösen Geschichte« in ein paar Generationen nur noch für Ideenhistoriker interessant ist, weil es nicht mehr länger eine »notwendige und sinnvolle Bezeichnung [ist], um irgendwelche Dinge, Ereignisse oder Phänomene zu beschreiben.« Ullrich geht es darum, die „Depotenzierung“ des Kunstbegriffs zum einen deutlich zu machen und entsprechend überzogene Ansprüche zu korrigieren, zum anderen will er eruieren, was diese Depotenzierungen im weiteren bedeuten könnten: Wo gibt es Indizien einer Emanzipa- tion? Wo Signale der Befreiung? Wo sind neue Perspektiven in Sicht? Bei dieser Suche nach anderen Perspektiven ist allerdings keineswegs sicher, dass ein „klar abgegrenztes Feld übrigbleibt, das als Kunst gelten wird.“ 2 Die Abrüstung des Kunstbegriffs zeitigt Folgen bei denen, die sich professionell mit Kunst beschäftigen. Künstler öffnen Grenzen und lassen sich nicht mehr nur darauf fixieren, Kunst zu machen. Sie finden es entspannend, nicht mehr dem Meisterwerk und der großen Erzäh- lung verpflichtet zu sein, und setzen sich entsprechend auch mit anderen Lebens- und Bild- welten auseinander. In und an diesen Grenzbereichen arbeitet z.B. das im aktuellen kiss-Durchgang ko- operierende Künstler-Duo Com&Com: »Der institutionalisierte Kunstrahmen, der ist abgegrast. Der ist unspannend, für uns unspannend«, so Johannes M. Hedinger. Die Konsequenz wäre eigentlich, komplett aus dem Kunstkontext herauszugehen, aber: 1 Ullrich, Wolfgang: Was war Kunst? Biographien eines Begriffs, Frankfurt a.M. 2005. 2 Ullrich, Wolfgang: Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst, Berlin 2003, S. 9ff.