Rudi Schmiede/Christian Schilcher Arbeits- und Industriesoziologie Die Arbeits- und Industriesoziologie 1 beschäftigt sich mit den Inhalten und Formen der Arbeit als einer der wichtigsten Ausprägungen menschlicher Betätigung und mit ihren gesellschaftlichen Be- dingungen, die nicht nur sozialer, sondern auch ökonomischer, technischer und politischer Art sind. Sie steht in einer wissenschaftlichen Tradition, die mit den frühen Klassikern der Analyse gesell- schaftlicher Arbeit, vor allem Karl Marx und Max Weber, begann und im 20. Jahrhundert ständig an Bedeutung gewonnen hat, wenn auch in Form leichter „Konjunkturzyklen“ der Aufmerksamkeit. Als spezifische Teilsoziologie hat sie sich jedoch, mit wenigen Vorläufern in den 1920er Jahren, erst nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet, und zwar bis vor wenigen Jahren 2 unter der Bezeich- nung Industrie- und Betriebssoziologie. Gerade in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, in dem für die Sektion Personen wie Hans Paul Bahrdt, Ludwig von Friedeburg, Burkhard Lutz, Heinrich Popitz, Theo Pirker und andere einen breiten, gesellschaftstheoretisch geprägten Blick si- gnalisierten, stand die Industrie- und Betriebssoziologie für eine weit gefasste Perspektive auf Wirtschaft, Arbeit, Technik und Organisation. Heute benachbarte Sektionen wie die Wirtschaftsso- ziologie oder die Wissenschafts- und Technikforschung haben sich deswegen erst sehr viel später im Rahmen der zunehmenden inhaltlichen und vor allem institutionellen Differenzierung der Sozio- logie herausgebildet; eine Sektion Organisationssoziologie gibt es bis heute nicht. Solange man die bestehenden fortgeschrittenen Gesellschaften mit einigem Recht als „Industriege- sellschaften“ bezeichnen konnte, war die Industriesoziologie mehr als eine der speziellen Soziologi- en, denn sie bezog sich auf den reproduktiven Kern dieser Gesellschaften. Noch Anfang der 80er Jahre schrieben in dieser Tradition drei (damals) jüngere Autoren: „Industriesoziologie schließt Be- triebssoziologie, Arbeitssoziologie und soziologische Arbeitsmarktforschung ein. Industriesoziologie hat darüber hinaus in vielen Sachfragen enge thematische und theoretische Verbindung mit ande- ren Forschungsdisziplinen, wie Organisationssoziologie, Berufs- und Bildungssoziologie ...“ (Brac- zyk/v.d. Knesebeck/Schmidt 1982, S. 17) Es hätten sich die Themen und Fragen innerhalb der zen- tralen Themenbereiche der Industriesoziologie (Technik und Arbeitsorganisation, industrielle Bezie- hungen und industrieller Konflikt, Entwicklung der Qualifikationsstruktur und Wandel der Berufe, Arbeitsorientierung und Arbeiterbewusstsein) „erheblich verändert – ohne daß freilich eine Gesell- schaftsformation sich ankündigen würde, in der industrielle Produktion und Industriearbeit Rander- scheinungen des Geschehens wären.“ (ebd.) Hier schwingt unausgesprochen die aus der Marx-/Weberschen Tradition herrührende Überzeugung mit, dass Industriearbeit nicht nur die Tä- 1 Aus Platzgründen konzentrieren wir uns auf die Entwicklung der Arbeits- und Industriesoziologie in Deutschland und verweisen nur gelegentlich auf wichtige Einflüsse aus anderen Ländern. 2 Die Sektion Industrie- und Betriebssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie war in den fünfziger Jahren die erste und blieb lange auch die bedeutendste Sektion der deutschen Soziologie. (Vgl. Lutz/Schmidt 1977; Deutschmann 2002, S. 19) Sie wurde erst vor einigen Jahren in die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie umbenannt. 1