1 Sprachgeschichte und Diachronie in der Finnougristik Desiderate und Perspektiven Marianne Bakró-Nagy bakro@nytud.hu 0. Zielsetzung Der vorliegende Beitrag soll einen Überblick über jene Forschungsrichtungen und -tendenzen geben, die es sich – aus Gründen, die ich aufzeigen werde – in den historischen und diachro- nen Forschungen der Finnougristik in der Zukunft in besonderer Weise zu verfolgen lohnt. Zu diesem Zweck ist es sinnvoll, auch über die bisher nachweisbaren Tendenzen (nicht: die de facto geleistete Arbeit 1 ) zu berichten, um aufzuzeigen, warum gerade die nachfolgend präsen- tierten Tendenzen als primär eingestuft werden. Auch soll kritisch hinterfragt werden, warum derzeit ein gewisses Abschwächen in den historischen und diachronen Forschungen zu ver- spüren ist – gar nicht so sehr, was die Quantität, sondern vielmehr, was die Forschungsmetho- de anbelangt. Voranstellen möchte ich, dass der vorliegende Beitrag weder nach einer voll- ständigen Analyse strebt, noch eine wissenschaftshistorische Darstellung sein will; vielmehr sollen darin skizzenhaft Informationen vermittelt werden über bestimmte Entwicklungen und die mögliche Zukunft einer Disziplin. Zum Aufbau: In Kap. 1 werden zunächst einige grundlegende Informationen zur soziolinguis- tischen Situation der uralischen Sprachen gegeben, daran schließt sich in Kap. 2 eine kurze Zusammenfassung der Anfänge der historisch-vergleichenden Forschungen und deren Rezep- tion durch die finnougristischen Forschungen des 20. Jahrhunderts an. In Kap. 3 werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschungen aufgeführt, auch wird darauf hingewiesen, wo die Forschungslücken liegen und warum sie entstanden sind. In Kap. 4 werden abschließend eini- ge Aspekte genannt, die in zukünftigen Forschungen beachtet werden sollen. 1. Die uralischen Sprachen zu Beginn des 21. Jahrhunderts Die hier angeführten Daten dienen dazu, den Zustand und die Zugänglichkeit jener Sprachen aufzuzeigen, die von der Finnougristik erforscht werden. Die uralische Sprachfamilie 2 gilt als 1 Aus Platzgründen verzichte ich an dieser Stelle auf ein ausführliches Verzeichnis der einschlägi- gen Fachliteratur sowie deren Kommentierung. 2 Die Bezeichnung uralische Sprachen/uralische Sprachfamilie ist ein Dachbegriff für die finno- ugrischen und samojedischen Sprachen; die sprachwissenschaftliche Disziplin, die sich mit diesen Sprachen befasst, wird hier, der Tradition entsprechend, Finnougristik genannt. Seit einigen Jah- ren werden in der Fachliteratur zur Bezeichnung der uralischen Sprachen vermehrt auch die Ei- genbezeichnungen der jeweiligen Sprechergruppen verwendet (z. B. wird für das Ostjakische die Bezeichnung Chantisch, für das Wogulische die Bezeichnung Mansisch usw.). Da ich aber in die- sem Beitrag vorwiegend auf Fachliteratur verweise, die noch die traditionellen Bezeichnungen verwendet, halte ich mich an diese älteren Bezeichnungen (eine Ausnahme bilden das Lappi- sche~Samische bzw. das Jurak-Samojedische~Nenzische).