Jan Slaby SKLAVEN DER LEIDENSCHAFT? ÜBERLEGUNGEN ZU DEN AFFEKTLEHREN VON KANT UND HUME Die Annahme, wir seien heute bezüglich einer Bestimmung des „Inventars des Mentalen“ in einer besseren Position als die Klassiker der Philosophie- geschichte, ist nur zum Teil korrekt. Was wir auf unseren Landkarten des Geistes verzeichnen, welche mentalen Strukturen, Fähigkeiten und Eigen- schaften wir annehmen und wie wir ihre Funktionsweisen sowie den Zu- sammenhang zwischen ihnen konzipieren, sind nämlich noch weitgehend offene Fragen. Das gilt nicht nur trotz, sondern auch gerade wegen der gro- ßen Fortschritte in der Hirnforschung und den Kognitionswissenschaften: Die schiere Mannigfaltigkeit der Ansätze, die Vielfalt neuer technischer Untersuchungsverfahren, die Pluralität der Disziplinen, die alle zum Ver- ständnis des „Geist-Gehirn-Komplexes“ beitragen wollen und die zahlrei- chen dort erzielten Resultate führen zu einem Zustand, den ein amerikani- sches Sprichwort leicht überspitzt auf den Punkt bringt: The more you know, the less you understand. Bahnbrechendes Wissen über Gehirnprozesse und mentale Zusammenhänge aller Art liegt vor, doch die Integration der zahl- reichen Spezialkenntnisse in ein fundiertes, einheitliches Bild von Geist und Kognition läßt auf sich warten. 1 Es kann demnach nicht irrelevant sein, den historischen Vorläufern un- serer Disziplinen Gehör zu schenken. Im Folgenden werde ich die Affekt- bzw. Gefühlstheorien von Kant und Hume mit dem Ziel untersuchen, aus den Positionen dieser Denker Antworten auf eine zentrale Frage der philo- sophischen Debatte über den Status von Emotion und Vernunft im menschlichen Geist und in der Genese menschlichen Handelns zu gewin- nen: Stehen die Emotionen der Vernunft, wie oft angenommen, als Wider- sacher gegenüber, oder führt diese Stilisierung in die Irre, da die Emotionen 1 „How the mind works“ wissen zur Zeit nur Popularisierer wie Steven Pinker (1997); Leute mit etwas mehr Problembewußtsein müssen hingegen mit Jerry Fodor entgegnen: „The Mind doesn’t work that way“ (2000) und zugeben, daß sie es jedenfalls noch nicht wissen.