DZPh, Berlin 56 (2008) 6, 877–898 Hegel und die Frage der Intersubjektivität Die Phänomenologie des Geistes als Explikation der sozialen Strukturen der Rationalität Von GEORG W. BERTRAM (Berlin) Hegel ist einer der neuen alten philosophischen Helden. Landauf landab hat man begonnen, von Neohegelianismus beziehungsweise von einer Hegel-Renaissance zu sprechen. Es hat ganz den Anschein, als habe die philosophische Wende zum 21. Jahrhundert in puncto „Kant oder Hegel?“ anders entschieden als diejenige zum 20. Jahrhundert. War ehedem Kant in vieler Munde, so ist es jetzt Hegel zumindest auch. Diese Rückkehr ist umso erstaunlicher, als sie unter anderem von den Nachfahren der analytischen Philosophie angezettelt wurde. Genau diese Philosophie hat einst den dunklen und schweren Ton aus dem philosophischen Konzert zu verbannen versucht. Heute könnte man denken, er werde von ihr wieder in dieses Konzert eingeführt. Denn auch bei pragmatistischer Umkehr wird Hegel nicht klarer und lesen sich Texte wie die Phänomenologie des Geistes (PhG) oder die Wissenschaft der Logik als groß angelegte philosophische Rätsel. So muss der Dunkelheit ein ausreichender Ertrag gegenüberstehen, damit die Arbeit am Rätsel sich lohnt. Der Ertrag, den man sich von Hegel verspricht, ist vielfältig. Zu ihm gehört ein ange- messenes Verständnis des Begriffs und des Zusammenhangs von Begriff und Anwendung 1 beziehungsweise von begriflichem Inhalt und empirischer Erkenntnis. 2 Der zentrale Punkt des großen Versprechens, das Hegel der philosophischen Mitwelt gegeben zu haben scheint, ist der, den Zusammenhang von Rationalität und Intersubjektivität begriffen zu haben. Hegel behauptet diesen Zusammenhang unübersehbar. Geist bedeutet ihm zufolge „Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist“ (PhG, 145). 4 Hegel hat den Begriff der Anerkennung in der Erläuterung 1 Das ist der Ansatz von: R. B. Brandom, Einige pragmatistische Themen in Hegels Idealismus, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 47 (1999), 55–81. 2 In diesem Sinn hingegen beruft sich auf Hegel besonders: J. McDowell, Geist und Welt, Paderborn 1998 (engl.: Mind and World, Oxford 1996). Paradigmatisch hat diese Perspektive Hegels Terry Pinkards’ Interpretation der Phänomenologie des Geistes festgehalten, die den Untertitel The Sociality of Reason trägt; vgl. T. Pinkard, Hegel’s Phenomenology. The Sociality of Reason, Cambridge 1994; vgl. zur Aktualität Hegels insgesamt auch Ch. Halbig u. a. (Hg.), Hegels Erbe, Frankfurt/M. 2004. 4 Ich zitiere Hegels Phänomenologie des Geistes im Folgenden nach dem dritten Band in der von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel herausgegebenen Werkausgabe mit der Sigle: PhG.