1 Leib – Geist – Kultur Ein Bericht über die jüngsten Forschungsinitiativen zur Interdisziplinären Anthropologie an der Universität Heidelberg Thiemo Breyer, Gregor Etzelmüller, Stefano Micali, Magnus Schlette & Grit Schwarzkopf Die Frage nach dem Menschen ist in den letzten Jahren wieder vermehrt ins Zentrum interdisziplinärer wissenschaftlicher Debatten sowie des medialen und öffentlichen Interesses gerückt. Einen nicht unerheblichen Anteil hieran haben die evolutionstheoretisch anhebenden Erklärungsversuche menschlicher Spezifika in den empirischen Anthropologien und in den Neurowissenschaften. Dem vorauf geht eine lange wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung. Seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert stellt die Evolutionstheorie tradierte anthropologische Grundannahmen in Frage. Der darwinistischen Eingliederung des Menschen in die Naturgeschichte begegnete die philosophische und theologische Anthropologie des 20. Jahrhunderts (z.B. Gehlen, Pannenberg, Plessner, Portmann, Scheler) bekanntlich mit Versuchen, die Sonderstellung des Menschen durch seine Eigenart als Mängelwesen, als exzentrisch positionierter Organismus u.ä. zu begründen. In der Gegenwart heben philosophisch-anthropologische Ansätze ebenso wie die evolutionäre Anthropologie und Entwicklungspsychologie die verkörperte Kognition und die konstitutive Sozialität des Menschen als Voraussetzung der Kulturentwicklung hervor (z.B. Deacon, Donald, Jung, Thompson, Tomassello). Der dualistische Gegensatz von Natur und Kultur, Körper und Geist dynamisiert sich hierbei zu einem Prozess, in dem beide Dimensionen jeweils ineinander verschränkt gedacht werden und sich wechselseitig konstituieren. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des Zukunftskonzepts der Universität Heidelberg für die Exzellenzinitiative II der Forschungsverbund Anthropologien und Ethiken gegründet. Dieser untersucht die Wechselwirkungen von biologischer, anthropologischer und kultureller Evolution mit dem Ziel, tradierte Spaltungen zwischen naturalistischen und kulturalistischen Positionen zu überwinden. Leitende Paradigmen sind die Konzepte des Embodiment und der Artikulation als Schnittstellen von Leiblichkeit, Kulturentwicklung und biologischer Evolution. Der Verbund ist eine Kooperation dreier Forschungseinrichtungen der Ruperto Carola, nämlich dem Interdisziplinären Forum für Biomedizin und Kulturwissenschaften (IFBK), dem