Originalveröffentlichung in: in W. U. Eckart - V. Sellin - H. Wolgast (Hg.), Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Heidelberg 2006, S. 391-434 4.4 Altertumswissenschaften ANGELOS CHANIOTIS, ULRICH THALER Die Situation am Ende der Weimarer Republik Wenn das Wort, dass es in Heidelberg bald nach der Machtergreifung Hitlers schon zwei Ruinen gegeben habe - das Schloss und die Universit ät - von einem Altertums wissenschaftler stammt, so ist dies kein Zufall. Ludwig Curtius (1874-1954), Ordina rius und Direktor des Archäologischen Instituts (1920-28), Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom (1928-37) und ordentlicher Honorarprofessor am Archäologischen Institut der Ruperto Carola, hat die Situation nach den Ver folgungen und vor allem nach der Unterwerfung der klassischen Altertumswissen schaften unter die Ideologie des Nationalsozialismus treffend charakterisiert. Wie viele seiner Kollegen lehnte auch der zunächst nationalsoziale und später deutsch nationale Curtius, trotz anfänglicher Begeisterung für das faschistische Italien und häufiger Adaption der Thematik und des Vokabulars der NS-Ideologie, den Nati onalsozialismus grundsätzlich ab, nicht aus einem politischen, sondern aus einem »humanistischen Widerstand« heraus. 1 Seine 1937 erzwungene Zurruhesetzung habe er »wie einen Ritterschlag« empfunden. 2 Es ist auch kein Zufall, dass die Alter tumswissenschaften in besondererWeise nationalsozialistischen Einflüssen zugäng lich waren; denn bereits lange Zeit vor der Machtergreifung griffen der italienische Faschismus, der deutsche Nationalsozialismus und vergleichbare Bewegungen in Europa (z.B. die Diktatur von Ioannis Metaxas in Griechenland, 1936-41) gezielt Aspekte des klassischen Griechenland und des alten Rom auf, die als Paradigmen für ihre Ideologie verwendbar erschienen: Die Annahme einer Überlegenheit der »arischen Rasse« wurde durch den Verweis auf die kulturellen Errungenschaften der griechisch-römischen Antike gestützt, die Unterordnung des Individuums unter 1 Zu Curtius s. Herbig: Curtius zum Gedächtnis, und Curtius; Reinhardt: Gedenkwort Curtius; Brendel: Erinnerungen; Jansen: Professoren und Politik, S. 24, 100f., 157f., 180; Faber: Huma nistische und faschistische Welt (auch zu Curtius' ambivalenter Einstellung zum Nationalsozia lismus und Faschismus). Aufschlussreich sind außer seiner Autobiographie (Curtius: Deutsche und antike Welt) auch seine Tagebuchaufzeichnungen 1942-44 (Curtius: Torso, S. 287-296, z. B. S. 288) und Briefe (Curtius: Torso, S. 297-323). Für seinen »humanistischen Widerstand« s. Curtius: Deutsche und antike Welt, S.512. Curtius' Faszination vom alten Rom im neuen Italien Mussolinis wird deutlich in Curtius: Mussolini, auch wenn diese öffentlichen Vorträge eines Direktors des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom nur bedingt seine Ansichten widerspiegeln; vgl. die rückblickenden Beobachtungen in Curtius: Deutsche und antike Welt, S. 495-502. 2 Curtius: Deutsche und antike Welt, S. 526.