* Der Artikel ist erschienen in Muno, Wolfgang; Lauth, Hans-Joachim; Kestler, Thomas (Hg): Demo- kratie und soziale Entwicklung in Lateinamerika. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos (Studien zu Latein- amerika, 19), 2012, http://www.nomos-elibrary.de/index.php?dokid=245758. Die venezolanische Demokratie im Spannungsfeld von Rohstofffluch und sozialer Ungleichheit* Thomas Kestler Als entscheidende Faktoren in der Entwicklung Venezuelas im 20. Jahrhundert bezeichnet Wolfgang Muno (2005) die Demokratie und das Öl. Vollständig wird das Bild jedoch nur, wenn man auch den Faktor Ungleich- heit und Armut bzw. Exklusion hinzunimmt. 1 Venezuela galt nämlich nicht nur Jahrzehnte lang als Musterde- mokratie in einer überwiegend autoritär regierten Region, sondern es zeichnete sich auch durch die paradoxe Si- tuation aus, dass trotz eines gewaltigen Ölreichtums lange Zeit breite Bevölkerungsschichten in sozialem Elend lebten. Dieses erreichte zu Beginn der 1990er Jahre, nach einer zehnjährigen Wirtschaftskrise und überstürzten neoliberalen Reformen, ein solches Ausmaß, dass damit auch die Demokratie an den Rand des Zusammenbruchs geriet. Zwei Putschversuche, gewalttätige Straßenproteste und eine institutionelle Krise zeugten vom tiefen Legi- timitätsverlust, in den das politische System geraten war (Canaché u. Kulisheck 1998). Wie es dazu kommen konnte, erklärt sich aus dem engen und komplexen Verhältnis zwischen Öl, Demokratie und sozialer Exklusion. Allgemein gilt die Annahme, dass demokratische Verfahren zu einer ausgewogeneren Einkommensverteilung führen, weil die politischen Entscheidungsträger gezwungen sind, responsiv auf die Bedürfnisse aller Bevölke- rungsschichten zu reagieren (Stimson et al. 1995; Acemoğlu u. Robinson 2006; Wehr 2011). Andererseits bildet aber eine ausgewogene Einkommensverteilung eine Voraussetzung dafür, dass demokratische Beteiligungsrech- te effektiv wahrgenommen werden können (Beramendi u. Anderson 2008). Soziale Exklusion beeinträchtigt so- mit die Funktionsweise der Demokratie bzw. die demokratischen Mechanismen von responsiveness und accoun- tability, was wiederum dazu führen kann, dass Armut und Ungleichheit auch unter demokratischen Vorzeichen fortbestehen. Hinzu kommt im Falle Venezuelas der Faktor Öl, der nicht nur die ökonomische Anreizstruktur und das Wirtschaftsgefüge verzerrt (Karl 1997; Rosenberg 2007), was unterdurchschnittliche Wachstumsraten und makroökonomische Ungleichgewichte nach sich zieht – ein Zusammenhang, der allgemein als Öl- oder Rohstofffluch beschrieben wird – sondern der sich auch auf das politische Gefüge auswirkt. Einerseits eröffnet sich für einen Ölexporteur wie Venezuela die Möglichkeit, die Armut (wenngleich nicht notwendigerweise die Ungleichheit) zu reduzieren und soziale Konflikte zu entschärfen, zugleich kann das Öl aber zu einer übermäßi- gen Fixierung auf den Staat, zur Ausbildung von Klientelstrukturen und zur Perpetuierung undemokratischer Verhaltensweisen beitragen, was besonders für die unteren Bevölkerungsschichten mit eingeschränkten Partizi- pationschancen einhergeht (Ross 2001). Öl, Ungleichheit und Demokratie stehen somit in einer komplexen und spannungsvollen Wechselbeziehung, deren Ergebnis nicht ohne weiteres vorausgesagt werden kann. Dies macht eine eingehende Betrachtung des Einzelfalls, des Zusammenwirkens von strukturellen Faktoren und Ak- teurshandeln, notwendig. Venezuela als eine der ältesten Demokratien Lateinamerikas bietet sich hierfür in be- sonderer Weise an, da kein Land auf eine längere Geschichte als Öl-Rentier zurückblickt. 1 Armut und Ungleichheit müssen nicht notwendigerweise miteinander einhergehen. Wenn sie aber gemeinsam auftreten, wie dies in vielen Staaten Lateinamerikas der Fall ist, führt dies zu einer schwerwiegenden Situation der Exklusion. Der Begriff „Exklusion“ schließt somit beides ein, Armut und Ungleichheit.