14 Psychotherapeutenjournal 1/2010 Zusammenfassung: Die auffallend schnelle Verbreitung und weite Anwendung des buddhistischen Konzepts der Achtsamkeit in der gegenwärtigen Verhaltensthe- rapie und in der Tiefenpsychologie wird beschrieben und auf einige traditionelle Hintergründe eingegangen. Wirkmechanismen der Achtsamkeit werden dargestellt und auf psychologische sowie neurobiologische Forschung hingewiesen. Ein be- sonderes Augenmerk wird auf die tiefere Bedeutung der Achtsamkeit für die Hal- tung und das Vorgehen von Therapeuten und Therapeutinnen gerichtet und die persönlichen Herausforderungen betont, die eine gründliche Auseinandersetzung mit ihr nahelegen. Dabei werden auch Aspekte einer auf Achtsamkeit beruhenden therapeutischen Beziehung angesprochen. Schließlich werden mögliche Gefahren und Grenzen der Anwendung von Achtsamkeit mitreflektiert. Lieberman et al., 2007; Siegel, 2007; Lie- berman, 2008). Das große Echo könnte auch darin begrün- det sein, dass Achtsamkeit schon eine lan- ge, 2500 Jahre alte Tradition hat und das „Herz der buddhistischen Psychologie“ ist (Germer, 2009a, S. 28). Auch wenn sich die buddhistische Psychologie mit den grundsätzlichen Quellen der Entstehung von Leid und der Befreiung davon ausein- andersetzt und die westliche Psychothera- pie individuelles Leiden fokussiert, so gibt es doch wesentliche Überschneidungen. Bei der Zusammenführung dieser Wege hat die Verhaltenstherapie eine führende Rolle übernommen. Sie bezeichnet die Einbeziehung der Bewusstseinsentwick- lung durch Achtsamkeit als „dritte Welle“ ihrer Geschichte. Doch ist die Achtsamkeit ein Wolf im Schafspelz: ihre radikalen existenziellen Wurzeln stellen viele paradigmatische Selbstverständlichkeiten der aktuell eta- blierten Psychotherapien zutiefst in Fra- ge. Wenn das Konzept in seinem Wesen verstanden und verinnerlicht wird, hat es durchaus das Potential zu einer „Achtsam- keits-Revolution“ (Wallace, 2006). Ihre An- wendung ist daher für Psychotherapeuten, die sich ernsthaft und praktisch mit ihr be- schäftigen, eine große professionelle und persönliche Herausforderung. Im Bewusstsein der Unmöglichkeit, in die- sem Rahmen auf alle Entwicklungen einzu- gehen, folgt eine Übersicht zu Bedeutung, Forschung und Anwendung von Achtsam- keit. Auf dem Hintergrund des inhärenten Menschenbildes soll untersucht werden, welche Impulse von achtsamkeitsbasierten Psychotherapieformen ausgehen könnten. Dabei stehen der Einbezug des Körpers, die achtsame Präsenz der Therapeuten und die Ergebnisoffenheit achtsamer The- rapieprozesse – insbesondere in der Tie- fenpsychologie – im Mittelpunkt. Definitionen Die moderne Anwendung der Achtsamkeit bezieht sich auf drei Aspekte: einen Zu- stand (state), eine überdauernde Haltung (trait) oder gar Lebenshaltung und ein Trai- ningsverfahren zur Geistesschulung. Der vietnamesische buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh, einer der Lehrer, die Achtsamkeit im Westen populär gemacht haben, beschreibt sie folgendermaßen: „Achtsamkeit ist die Fähigkeit, in jedem Augenblick unseres täglichen Lebens wirk- Einleitung Selten – vielleicht noch nie – hat ein für die akademische Psychologie so ungewöhnli- ches Konzept wie das der Achtsamkeit so schnell und breit Anklang gefunden. Eine Flut von Publikationen (Johanson, 2006) beschreibt ihre Wirkungen in unterschied- lichsten Anwendungsbereichen: etwa bei Stress, bei der Rückfallprävention von De- pressionen, bei Persönlichkeitsstörungen, bei Ängsten, Zwängen, traumabedingten Störungen, bei Krebs und chronischen Krankheiten bis hin zur Paartherapie. Die psychologischen Auswirkungen eines kon- sequenten Achtsamkeitstrainings kann man im Zusammenhang mit funktionellen und strukturellen Veränderungen im Ge- hirn verstehen. Aus diesem Grund ist auch die neurobiologische Forschung der phy- siologischen Basis der Achtsamkeit – als einer trainierbaren, wesentlichen mensch- lichen Fähigkeit – auf der Spur (Creswell, Way, Eisenberger & Lieberman, 2007; Davidson et al., 2003a; Farb et al., 2007; Achtsamkeit in der Psychotherapie. Verändern durch „Nicht-Verändern-Wollen“ – ein Paradigmenwechsel? Halko Weiss 1 , Michael E. Harrer 2 1 Hakomi-Institute of Europe, Nürnberg 2 Psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis, Innsbruck