afrika spectrum 39 (2004) 3: 325 - 333
© 2004 Institut für Afrika-Kunde, Hamburg
Katja Werthmann, Tilo Grätz, Hans Peter Hahn
Mobilität in Afrika. Multilokale Feldforschungen
Editorial
obilität trägt seit langem zur Transformation von Landschaften und Ge-
sellschaften in Afrika bei. Wanderungen sind sowohl Reaktionen auf
Nahrungskrisen, Abspaltungen und Konflikte mit Nachbarn als auch ein aktives
Aufsuchen alternativer ökonomischer, sozialer oder kultureller Ressourcen.
Dabei hat Mobilität im Lauf der Geschichte unterschiedlichste Formen ange-
nommen und reicht von Wanderfeldbau und Wanderhirtentum über Fernhan-
del und Pilgerreise bis zum Exodus größerer Bevölkerungsgruppen. Viele afri-
kanische Gesellschaften verfügen über Mechanismen zur Eingliederung von
Fremden, mit denen diese zu Gästen, Klienten oder Verwandten gemacht wer-
den. Mobilität kann in Form einer „ firstcomer“ -Ideologie (Kopytoff 1987) zur
Beanspruchung von Vorrechten über Ressourcen oder zur Legitimation politi-
scher Herrschaft dienen. Räumliche Mobilität kann mit sozialer Mobilität ein-
hergehen und den Wechsel von einer soz ialen Kategorie in eine andere mit sich
bringen.
Entgegen der Tendenz, Migration als „ displacement“ , als Abweichung von
einer eurozentrischen Norm der Sesshaftigkeit zu sehen, betonen die Herausge-
ber des Sammelbandes „ Mobile Africa“ (De Bruijn, Van Dijk & Foeken 2001a),
dass in vielen afrikanischen Gesellschaften nicht Mobilität, sondern Immobilität
die Ausnahme von der Regel ist. Die Form der Mobilität variiert allerdings je-
weils nach Geschlecht, Alter oder Generationszugehörigkeit. Innerhalb einer
einzigen Familie können heute verschiedene Formen vorkommen: die Zirkulati-
on von Kindern (z.B. Alber 2003), die Heiratsmobilität, die „ klassische“ Arbeits-
migration in Form von temporärer Land-Land- oder Land-Stadt-Migration, die
internationale Migration, und die „ religiöse Mobilität“ (Langewiesche 2003).
Durch Mobilität werden unter anderem soziale Beziehungen angeknüpft
und aufrechterhalten. Bauern und Bäuerinnen, die aus entlegenen Gegenden zu
Fuß oder per Fahrrad stundenlang zu einem Markt unterwegs sind, verkaufen
dort nicht nur ihre Produkte, sondern erneuern auch Bindungen zu Verwandten
und Freunden, tauschen Neuigkeiten aus oder bahnen Ehen an. Periodische
Wanderungen zu sakralen Orten basieren auf einer historisch gewachsenen,
spirituellen Topographie und erneuern Beziehungen zwischen verschiedenen
ethnischen Gruppen, die durch bestimmte Kulte miteinander verbunden sind
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