1 Die Wahlreform als sozialtechnologisches Programm Gerhard Lehmbruch Die lebhafte öffentliche Diskussion über das Programm einer Wahlreform, wie sie seit der Bildung der großen Koalition im Jahre 1966 geführt worden war, ist nach dem Auseinanderbrechen dieses Bündnisses fürs erste verstummt. Aber damit ist ihr Gegenstand gewiß nicht endgültig zur bloß "akademischen" Frage geworden. Weit über die politikwissenschaftlichen Schulen hinaus, die im präzisen Sinne einer Sozialtechnologie die Einführung eines "mehrheitsbildenden" Wahlsystems empfohlen haben, ist die Vorstellung verbreitet, daß solche Maßnahmen ein hervorragendes Instrument zur Beeinflussung des politischen Systems sein könnten; so könnte das Programm unter veränderten innenpolitischen Konstellationen durchaus neue Aktualität gewinnen. Dies um so eher, als in politischer Öffentlichkeit und Publizistik nicht immer zur Kenntnis genommen wird, wie sehr bestimmte Lehrmeinungen wissenschaftlich kontrovers und wie unzureichend die zugrundeliegenden methodischen Gegensätze überbrückt sind 1 . Unter diesen Umständen erscheint es sinnvoll, die Frage nach den voraussichtlichen Konsequenzen der Einführung eines mehrheitsbildenden Wahlrechts unter den in der Bundesrepublik Deutschland gegebenen spezifischen Bedingungen im Hinblick auf die komplexen Systemzusammenhänge zu erörtern und nicht bloß, wie es vielfach und hinreichend geschehen ist, unter analytischer Isolierung einiger Variablen die Vor- und Nachteile von Wahlsystemen generell zu konfrontieren. I Der wissenschaftliche Streit hat sich in der Vergangenheit zunächst auf die Auswirkungen der Verhältniswahl, dann auf die methodischen Voraussetzungen für die Analyse der Auswirkungen von Wahlverfahren überhaupt konzentriert. In der ersten, der Proporzkontroverse, ist mittlerweile insofern eine gewisse Klärung eingetreten, als deutlich