1 Zur Vischer-Rezeption bei Warburg Matthew Rampley Man darf der Antike die Frage ›klassisch ruhig‹ oder ›dämonisch erregt‹ nicht mit der Räuberpistole des Entweder-Oder auf die Brust setzen. Es hängt eben vom subjektiven Charakter der Nachlebenden, nicht vom objektiven Bestand der antiken Erbmassen ab, ob wir zu leidenschaftlicher Tat angeregt oder zu abgeklärter Weisheit beruhigt werden. Jede Zeit hat die Renaissance, die sie verdient. 1 Es ist seit langem bekannt, dass die Arbeit Friedrich Vischers, vor allem, sein Aufsatz Das Symbol, einen prägenden Einfluss auf Aby Warburg hatte. 2 An sich war Vischers Aufsatz keine besonders originelle Arbeit; in vieler Hinsicht wiederholte er nur Themen von der Ästhetik Georg Hegels und der Einfühlungstheorie seines Sohnes Robert. Für Warburg aber war der Aufsatz äußerst fruchtbar; die darin entwickelten Grundsätze aber wiesen Warburg darauf hin, wie die Geschichte der Kunst im Rahmen der psychologischen Ästhetik interpretiert werden konnte. 3 Die Hauptfrage lautete: wie soll man den Symbolbegriff verstehen, und wie kann man die Teilnahme des Zuschauers am symbolischen Bild beschreiben? Vischers Antwort auf die letzte Frage war aber zweideutig; auf der einen Seite behauptete er, daß die Bilderfahrung wesentlich ein Effekt der Eigenschaften des Bildes, auf der einen verstand er sie als mit der Psychologie des Betrachters zusammengebunden. Diese Ambivalenz war von grosser Bedeutung für Warburg; indem die Ideen Vischers zur Grundlage seiner eigenen Arbeit wurden, kommen auch die Schwierigkeiten und die Widersprüche in den Gedanken des Philosophen auch in Warburgs Schriften zum Vorschein. Um diese These etwas näher zu erörtern, wird zuerst Vischers Symboltheorie untersucht, bevor dann das Vischer – Warburg Verhältnis näher analysiert wird. Die Theorie des Symbols Der Aufsatz über das Symbol war Vischers späteste philosophische Arbeit, aber das Thema hatte er schon in seiner Ästhetik behandelt; dort hatte er die symbolische Phantasie auf hegelianische Weise so erörtert: »Das Symbol ist ein Bild, welches für 1 Aby Warburg, Italienische Antike im Zeitalter Rembrandts, Warburg Archiv, Warburg Institute, London, III, 97.2, S. 96. 2 Friedrich Vischer, Das Symbol, in: Kritische Gänge, München, 1922, IV, S. 420-456. Erstveröffentlichung, 1887. 3 Edgar Wind, Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft und seine Bedeutung für die Ästhetik, in: Dieter Wuttke, Aby Warburg. Ausgewählte Schriften und Würdigungen, Baden Baden, 1992, S. 401- 17..