Francesco Valerio Tommasi Wolff und die Analogie Von den mannigfachen Modi des Seienden zwischen Ontologie und Theologie In der Philosophiegeschichte kennt die Frage nach der Analogie eine sehr lange und komplizierte Geschichte. Sie wurde in vielen verschiedenen Bereichen und mit derart unterschiedlichen Bedeutungen erörtert, daß es bereits Schwierigkeiten bereitet, einen allgemeinen Sinn des Wortes oder eine kurze Fassung der damit verbundenen Probleme anzugeben. 1 Jedoch können zwei der wichtigsten und sich in jeder Epoche immer wieder wiederholenden Fragen, die mit der Analogie verbunden sind, einerseits im Rahmen der Ontologie, andererseits im Rahmen der Theologie aufgefunden werden. Ganz allgemein gefaßt handelt es sich in dem er- sten Bereich um das Problem der mannigfachen Bedeutungen des Seins, während im zweiten Bereich die Anwendbarkeit sprachlicher Prädikate auf Gott in Frage gestellt wird. Die Analogie kann sogar als Schlüsselfrage aufgefaßt werden, um die gegenseitigen Beziehungen der beiden Wissenszweige bei verschiedenen Au- toren zu analysieren. Es ist kein Zufall, daß sich ein erneutes Interesse an der Ana- logie im Kontext der Frage nach der sogenannten ,Ontotheologie formiert hat. 2 In der Tat bringt der Begriff vom Seienden die Ambiguität mit sich, einerseits ganz leer und zwar ohne Intensionen oder Determinationen gedacht werden zu müssen, um von allem – als ens commune – ausgesagt werden zu können (er ist keine Kategorie, weil eine Kategorie unmittelbar etwas ausschließt: omnis de- terminatio est negatio); in diesem Sinne ist der Begriff vom Seienden daseinsfrei und univok. Andererseits muß dieser Begriff, um eine Prädikation überhaupt erst zu ermöglichen, alle Prädikate bereits enthalten und als omnitudo realitatis ge- dacht werden (denn es ist unmöglich zu urteilen, ohne daß alle möglichen Termini als Vorbedingung existieren); in diesem zweiten Sinne ist der Begriff vom Seien- 1 Vgl. Wolfgang Kluxen, Art. ,Analogie, in: Joachim Ritter (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Basel, Stuttgart 1971, 214 – 227. 2 Vgl. (um nur einen einzigen rezenten bedeutenden Text zu zitieren): Jean-FranÅois Courtine, Inventio analogiae, Paris 2005. Aufklärung 23 · Felix Meiner Verlag 2011 · ISSN 0178-7128