WANDEL AKADEMISCHER BILDUNG UND GESCHLECHTSSPEZIFISCHE
BILDUNGSBETEILIGUNG
Robert D. Reisz, Robert Schuster und Manfred Stock
Zusammenfassung: Im Beitrag werden Zusammenhänge zwischen dem Wandel akademischer Bil-
dung, das heißt dem Wandel der Fächerstruktur, und der Beteiligung der Geschlechter an der
Hochschulbildung untersucht. Komparative Studien zeigen, dass der Anteil der Frauen unter den
Studierenden der Natur- und Ingenieurwissenschaften in den entwickelten westlichen Ländern
kleiner ist als in jenen Ländern, die als weniger entwickelt und als weniger demokratisch gelten.
Gemessen an den üblichen Kriterien der Modernisierung ist diese Konstellation paradox. Sie wird
im Beitrag anhand eines Vergleiches zwischen der DDR und der BRD näher beleuchtet. In beiden
deutschen Staaten herrschten unterschiedliche Reglements des Hochschulzugangs: Im Staatssozia-
lismus wurden die Studienplätze für die einzelnen Fächer quotiert, unter demokratischen Verhält-
nissen war dies nicht oder nur in sehr engen Grenzen möglich. Diese Differenz geht mit unter-
schiedlichen Zusammenhängen zwischen dem Wandel der Fächerstruktur und dem Wandel der
Bildungsbeteiligung von Frauen im Hochschulbereich einher: In der BRD führte ein wachsender
Anteil von Frauen unter den Studierenden zu wachsenden Anteilen von Fächern, die vor allem
Frauen wählen. In der DDR beeinflusste hingegen umgekehrt die Entwicklung des relativen An-
teils der Fächer die Geschlechterzusammensetzung der Studierenden. Die im Vergleich zur BRD
höhere Quote der Frauen in den Ingenieurwissenschaften der DDR wird vor diesem Hintergrund
erklärt. Auf eine geringere Ausprägung sozialer Geschlechterstereotype ist sie nicht zurückzufüh-
ren.
I. Einleitung*
Der Wandel akademischer Bildung wird im Folgenden im Zusammenhang mit der sich
verändernden Beteiligung von Frauen und Männern an dieser untersucht. Dabei wird
der Blick auf Verschiebungen des relativen Gewichts der Studienfächer gerichtet. Aus-
gangspunkt ist eine Übersicht zum Stand der Forschungen (Abschnitt II). Komparative
Studien führen zu dem Befund, dass in weniger entwickelten Ländern und in Ländern
mit schwachen demokratischen Institutionen die Beteiligungsquote der Frauen bei-
spielsweise in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern größer ist als in jenen Ländern,
die als entwickelt und als demokratisch gelten. Vor dem Hintergrund soziologischer
Modernisierungstheorien erscheint dieser Befund als paradox. Anhand eines Vergleichs
der Hochschulentwicklung in der staatssozialistischen DDR und der demokratischen
BRD wird dieses Modernisierungsparadox näher untersucht. Es werden Unterschiede
* Der Aufsatz ist im Rahmen des von der DFG geförderten Forschungsprojekts „Wandel akade-
mischer Bildung in Deutschland (1950-2005)“ (vgl.: http://userpage.fu-berlin.de/~stock/
projekte.html) entstanden. Für wichtige Hinweise zu einer früheren Fassung dieses Beitrages
danken wir den anonymen Gutachtern und den beiden Herausgebern.
R. Becker, H. Solga (Hrsg.), Soziologische Bildungsforschung,
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie,
DOI 10.1007/978-3-658-00120-9_17, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2012