Tourismus, Kulturaustausch, Kulturseminare (1) Peter Horn (Kapstadt/Berlin) [BIO ] In The $30000 Bequest läßt Mark Twain die Bewohner der amerikanischen Stadt Elmira den Plan fassen, dem ersten Menschen, Adam, ein Monument zu errichten, das einzige auf dem gesamten Planeten, um zu verhüten, daß der Urvater der Menschheit wegen Darwins Evolutionstheorie vergessen wird. Es soll, was das Interesse und den Eindruck angeht, niemals einen Rivalen haben, es sei denn, daß jemand auf die Idee käme, der Milchstraße ein Denkmal zu setzten. Und, so träumen die Einwohner von Elmira, es würde Touristen in großer Zahl anziehen.(2) Die Idee, Touristen mit Kultur in die eigene Stadt zu locken, ist also nicht sonderlich neu. Auch die Erkenntnis nicht, daß erst, wer aus seiner eigenen Stadt herauskommt, sein eigenes Land verläßt, sich auf Reisen in andere Kontinente einläßt, in der Lage ist, seine begrenzte Innensicht zu erweitern, und auch sein Zuhause richtig einzuschätzen. So steht er dann wie Voltaires Kandid staunend und "mit offenem Munde" in Eldorado und meint: Hier geht es doch ganz anders zu, als in Westfalen und in dem Schlosse des Freiherrn. Hätte unser Freund Pangloß Eldorado gesehen, so würde er nicht länger behauptet haben, etwas Besseres, als das Schloß Thundertentronckh gebe es auf Erden nicht. Man muß reisen; das ist ausgemacht.(3) Reisen, also Tourismus, meint Voltaire, erweitere den Horizont über Thundertentronck hinaus, zeige einem jenseits der eigenen Enge andere Sitten, andere Kulturen, andere Möglichkeiten zu leben. Die Beschränktheit dessen, der aus seinem kleinen Dorf nie herausgekommen ist, wird für Rousseau zum Zeichen von Zurückgebliebenheit: "Für einen Mann von guter Erziehung" so zeigt sich, ist es nicht ausreichend, nur seine Landsleute zu kennen. Es ist "für ihn von Wichtigkeit, sich allgemeine Menschenkenntnis zu erwerben". Und er folgert daher: Für mich gilt es als eine ausgemachte Wahrheit, daß derjenige, welcher nur einem Volke bekannt ist, nicht Menschen im allgemeinen, sondern nur die Leute kennt, unter denen er gelebt hat.(4) Die Reisebeschreibung ist eine Literaturgattung, die auch jenen, die sich Reisen nicht leisten konnten, zumindest die Ergebnisse der Reisen anderer nahebringen soll. Aber selbst die beste Reisebeschreibung - und das gilt auch für die modernen Formen der Reisebeschreibung, Diavortrag und Fernsehserie - kann die eigene Erfahrung nicht ersetzen. So beschwerte sich schon Descartes über schlechte Reisebeschreibungen: Als ich das wenige, welches mir selbst zu beobachten möglich war, mit dem verglich, was ich gelesen hatte, hörte ich schließlich auf, mich ferner um Reisebeschreibung zu bekümmern, und bedauerte aufrichtig die Zeit, die ich zu meiner Belehrung auf ihre Lektüre verwandt hatte, da ich der festen Ueberzeugung war, daß, will man Beobachtungen irgendwelcher Art machen, man nicht lesen, sondern sehen muß.(5) "Nicht lesen, sondern sehen" - Descartes begriff, daß man solides Wissen nicht aus zweiter Hand, sondern nur aus eigener Beobachtung erwerben könne: Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 12. Nr. Januar 2002 Page 1 of 5 TRANS Nr. 12: Peter Horn (Kapstadt/Berlin): Tourismus, Kulturaustausch, Kulturse... 27.10.2013 file:///D:/Publications/Peter/Tourismus,%20Kulturaustausch,%20Kulturseminare.htm