43 Transkulturalität revisited Transkulturalität revisited: Kritische Überlegungen zu einem neuen Begriff der Kulturforschung Julio Mendívil Julio Mendívil wurde in Lima (Peru) geboren. Jahrelang arbeitete er als Musiker traditioneller Musik der peruanischen Anden, bevor er sich der Musikethnologie zuwandte. 1990 migrierte er nach Deutschland. In Köln studierte er Musikwissen- schaft mit Schwerpunkt Musikethnologie. 2007 promovierte er mit einer Arbeit über die Konstruktion von Heimat im deutschen Schlager an der Universität zu Köln (Mendívil 2008) und habilitierte 2010 an der Hochschule für Musik und The- ater Hannover über die Historisierung ‚schriftloser‘ Kulturen in der Musikethnolo- gie am Beispiel der Musik aus den Anden (Bolivien, Ecuador und Peru) (Mendívil 2009). Als Musikethnologe, als peruanischer Migrant in Brasilien und Deutschland und als Mitglied einer binationalen Familie beschäftigt sich Julio Mendívil seit Jah- ren mit Problemen bezüglich kultureller Alterität und Verständigung zwischen den Kulturen. Zurzeit leitet er die musikethnologische Abteilung des Musikwis- senschaftlichen Instituts der Universität zu Köln. 1. Im Anfang war das Wort? (Einleitung) Inzwischen ist das Konzept der Transkulturalität des deutschen Philosophen Wolfgang Welsch zu einem zentralen Begriff der deutschen Kulturwissen- schaften geworden. Vieles scheint innerhalb der heutigen Kulturforschung durch dieses Wort ‚geworden‘ zu sein: Akademische Kongresse, wissen- schaftliche Publikationen, Studiengänge und Forschungsprojekte beziehen sich auf den Begriff, womit eine ‚transkulturelle‘ Praxis in der universitären Welt etabliert wird. Selbst in der politischen Arena Deutschlands hat Trans- kulturalität als Konzept besonders bezüglich der Fragen von Zuwanderung oder Integration von Ausländerinnen und Ausländern beträchtlichen Erfolg. Es stellt sich die Frage, wie die deutsche Musikforschung, die sich mit der Musik der Anderen beschäftigt, auf die transkulturelle Wende reagieren soll? In diesem Artikel werde ich zu Wolfgang Welschs Begriff Transkultura- lität kritisch Stellung nehmen. Dabei ist meine Intention weder den Be- griff abzulösen noch ihn wissenschaftlich oder politisch zu diskreditieren. Vielmehr ist es mein Ziel, zu reflektieren, welche Auffassung von Kultur Welschs Begriff impliziert und wie diese Auffassung konkrete politische oder wissenschaftliche Praktiken in Deutschland generiert, die, meiner Meinung nach, problematisch für die musikethnologische Forschung sind.