Diskussionsbeiträge Tabakrauch
283 Umweltmed Forsch Prax 8 (5) 2003
Abstract
Passive victims of air pollution from tobacco smoke –
are physicians able to help?
Nicotine concentrations in public places and workplaces indicate
a high risk from passive smoking in Austria. 1400 premature
deaths per year are estimated from pollution by environmental
tobacco smoke (ETS) at work, mainly due to myocardiac in-
farction and stroke. Children are even more vulnerable to ETS,
suffering SIDS, asthma and cancer from this indoor pollution at
home. In addition smoking parents and other adult smokers
contribute to the recruitment of new smokers and their age de-
cline. The consequence of this decline is an increase of addiction
and disease rates. The only one making profit from this develop-
ment is the international tobacco cartel. The tobacco industry
invented the program of "courtesy and tolerance" and defends
the different handling of air pollution from cigarettes and other
sources. Physicians and environmentalists should not place
tobacco smoke under a taboo when defending the right to breath
clean air.
Keywords: Children; environmental tobacco smoke; passive
smoking; smoking; tobacco control; tobacco industry; workplace
Diskussionsbeiträge
Passive Opfer der Luftverschmutzung durch Tabakrauch – können Ärzte helfen?
Manfred Neuberger
Korrespondenzadresse: Univ. Prof. Dr. Manfred Neuberger, Abteilung für Präventivmedizin, Institut für Umwelthygiene, Universität Wien,
Kinderspitalgasse 15, A-1090 Wien; E-Mail: Manfr ed.Neuber ger@univie.ac.at
Zusamenfassung. Nikotinkonzentrationen in öffentlichen
Gebäuden und an Arbeitsplätzen in Österreich zeigen ein hohes
Risiko durch Passivrauchen an. Jährlich werden 1400 vorzeiti-
ge Todesfälle durch unfreiwilliges Mitrauchen (environmental
tobaccco smoke, ETS) am Arbeitsplatz geschätzt, vor allem durch
Herzinfarkte und Schlaganfälle. Noch größer ist die Empfind-
lichkeit von Kindern gegenüber ETS im Haushalt, wo plötzli-
cher Kindstod, Asthma und Krebs als Folge auftreten. Außer-
dem tragen Eltern und andere erwachsene Raucher dazu bei,
dass immer mehr Menschen zu rauchen beginnen, wobei die
Erstraucher immer jünger werden und als Folge die Sucht- und
Krankheitshäufigkeit steigt. Der einzige Profiteur dieser Entwick-
lung ist das internationale Tabakkartell. Die Tabakindustrie er-
fand ein Programm der "Höflichkeit und Toleranz" und sucht
damit die Gleichbehandlung von Luftverunreinigungen aus Zi-
garetten und anderen Quellen zu verhindern. Ärzte und
Umweltschützer sollten Tabakrauch nicht tabuisieren, wenn sie
das Recht auf saubere Atemluft verteidigen.
Schlagwörter: Arbeitsplatz; Kinder; Passivrauchen; Rauchen;
Tabakindustrie; Tabakkontrolle
Umweltmed Forsch Prax 8 (5) 283 – 288 (2003)
© ecomed verlagsgesellschaft AG & Co. KG, D-86899 Landsberg und Ft. Worth/TX, USA • Tokyo, Japan • Mumbai, Indien • Seoul, Korea
Das Thema Passivrauchen ist nicht nur ein Lehrbeispiel dafür,
wie eine mächtige Industrie mit der Wahrheit umgeht, son-
dern zeigt Umweltmedizinern die Gefahren der Vereinnah-
mung durch Interessensgruppen. Eine Reihe von Studien zum
"Sick Building Syndrom" lehrten, wie finanzkräftige Spon-
soren die Forschungsrichtung beeinflussen und damit vom
eigenen Problem ablenken können. Heuer im "British Medi-
cal Journal" veröffentlichte Forschungen ( http://bmj.com/
cgi/content/full/326/7398/1057) eines "Department of Pre-
ventive Medicine" einer amerikanischen "School of Public
Health", finanziert von einer Tochter des Tabakkartells namens
"Center for Indoor Air Research", lassen erahnen, weshalb
Raucher noch immer glauben, dass "das bisschen Tabak-
rauch", das ihre Mitmenschen unfreiwillig einatmen müssen,
gar nicht schädlich sein kann.
Die Tabakindustrie hat jahrezehntelang sogar die Gesund-
heitsrisken des Aktivrauchens verharmlost, um ihre Kund-
schaft nicht zu verlieren. Das Geld, das Tabakkonzerne durch
Nikotinabhängigkeit verdienten, stand ihnen nicht nur für
legale Werbung, sondern auch zur Beeinflussung und Beste-
chung von Politikern, Medien, Wissenschaftlern und Künst-
lern zur Verfügung , um die Gefahren des Passivrauchens in
Frage zu stellen oder herunterzuspielen. Selbst die Belästi-
gung durch Tabakrauch, die vielen Nichtrauchern aus eige-
ner Erfahrung bekannt ist, wurde als "abnorme Empfind-
lichkeit von Schwächlingen" oder "Reinlichkeitsfanatismus
puritanischer Eiferer" dargestellt. Gleichzeitig malte eine raf-
finierte Tabakwerbung für die noch unsicheren jungen Men-
schen das Bild des "coolen" Rauchers und der emanzipier-
ten Raucherin, vermittelte ihnen das Gefühl, dass sie nur
mit einer Zigarette "in" sind und schafft es sogar, Rauchern
das schlechte Gewissen zu nehmen, wenn er Mitmenschen
wieder zum Rauchen verführt, die es sich gerade mühsam
abgewöhnt haben.
Gesundheitsschäden durch Passivrauchen in der Wohnung
und am Arbeitsplatz sind durch zahlreiche wissenschaftli-
che Studien belegt, die bereits 1997 in Übersichtstabellen vom
australischen "National Health & Medical Research Coun-
cil" zusammengefasst und allgemein zugänglich gemacht wur-
den ( http://www .health.gov .au/nhmr c/advice/nhmr c).
1 Welche Luftverunreinigung am Arbeitsplatz verursacht
die meisten Todesfälle?
Diese Frage ist eindeutig mit "Tabakrauch" zu beantworten.
Passivrauchen ist die wichtigste (und gleichzeitig verhütbare)
Ursache für Krebs- und Herzkreislauferkrankungen durch
schlechte Arbeitsplatzverhältnisse (Neuberger 2003, U.S. De-