Fließende Grenzen zwischen Christentum und Islam Forschungen am Deutschen Historischen Institut in Rom zum vornormannischen Unteritalien im Spannungsfeld rivalisierender Religionen und politischer Mächte Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Deutsche Historische Institut (DHI) in Rom noch „Königlich Preußisches Historisches Institut“ hieß, wurde vom damaligen Direktor Paul Fridolin Kehr (1860–1944, Direktor 1903–1936) ein wissenschatliches Vorhaben mit Süditalienschwerpunkt und interdisziplinärer Ausrichtung initiiert. Er wusste um die Begeisterung Kaiser Wilhelms II. für die Stauferzeit, besonders für Friedrich II., und hote auf inanziell-politische Unterstützung. Die sei- nerzeit als stauisch geltenden Baudenkmäler in Süditalien zu erforschen, bot sich daher als geeignetes hema an. Der Kunsthistoriker Arthur Haselof (1872–1955) und der Mediävist Eduard Sthamer (1883–1938) arbeiteten an der systematischen Erschließung des Materials über die Bauten Fried- richs II. und seiner Nachfolger, bis es durch den Ersten Weltkrieg zu einer längeren Unterbrechung kam. Zwar konnte Sthamer ab 1926 bis zu seinem Tod 1938 das Projekt noch weiter fortführen, aber der Zweite Weltkrieg bedeutete schließlich das Ende für das Unternehmen.1 Unter gänzlich anderen Vorzeichen an diese Forschungstradition anknüpfend, begann der ehe- malige Direktor des DHI in Rom, Michael Matheus, 2005/06 damit, die christlich-muslimischen Beziehungen in der Capitanata während des 13. Jahrhunderts zu erforschen. Der Fokus dieser Studien liegt auf dem Kastell von Lucera und dem nahegelegenen Tertiveri. Wichtige Ergebnisse dieses Dis- ziplinen übergreifenden Kooperationsprojekts, dessen Leitung sich inzwischen nach Mainz verlagert hat, konnten bereits publiziert werden, und gespannt darf man die Resultate weiterer Untersuchungen und Grabungen erwarten.2 Mit der muslimischen Präsenz im vornormannischen Unteritalien beschätigt sich derzeit unter wiederum anderen Prämissen ein deutsch-italienisches Team. Es besteht im Kern aus einer Mediä- vistin und einem Byzantinisten, der zugleich auch Kompetenzen als Islamwissenschatler mitbringt. Im Autorenkollektiv wird die relevante lateinisch-, griechisch- und arabischsprachige Überlieferung analysiert. Neben der Geschichtsschreibung, die in allen drei Sprachen wichtige Informationen liefert, werden auch lateinische (und weitaus weniger häuig griechische) hagiographische Quellen, Briefe, Rechtstexte, Diplome und Privaturkunden herangezogen. Desweiteren inden Werke muslimischer Geographen und Rechtsgelehrter, Inschriten sowie archäologische Zeugnisse und Befunde Berück- sichtigung. Ziel des Forschungsvorhabens, das drei Jahre lang von der DFG gefördert worden ist, besteht darin, gängige Vorstellungen von den im 9. und 10. Jahrhundert in Unteritalien agierenden „Sarazenen“ anhand einer exemplarischen Studie zu hinterfragen und im Zusammenhang mit Grenz- raum-Problematiken sowie Aspekten der Wahrnehmung und Bewältigung kultureller bzw. religiöser Diferenz zu untersuchen. Aufgegrifen werden hierbei nicht nur aktuelle Ansätze transkultureller Forschungen. Ebenso stehen gängige Raum-Kategorien und religiös oder politisch-ideologisch kon- notierte Gruppen-Zuschreibungen, die bis heute die Forschungsliteratur prägen, auf dem Prüfstand. Bei der Lektüre der einschlägigen Publikationen ergibt sich gegenwärtig ein Bild, demzufolge „sarazenische“ Söldner- und Piratenbanden während des 9. und 10. Jahrhunderts im Süden der Stiefelhalbinsel immer wieder massiv ihr Unwesen trieben, um Beute zu machen. Von einem mus- limischen Herrschatszentrum ausgehende Versuche, neben Sizilien auch die italienische Halbinsel zu erobern, habe es dagegen nicht gegeben. Zwar sind vereinzelt Vermutungen in dieser Richtung geäußert worden, doch konnten diese nicht durch eine solide Quellenbasis untermauert werden.