originalarbeit
Auswirkungen des Wasserkraftausbaues auf die
Fischfauna der steirischen Mur
S. Schmutz, C. Wiesner, S. Preis, S. Muhar, G. Unfer und M. Jungwirth
1. Zusammenfassung/Summary
In der steirischen Mur gibt es derzeit 29
Wasserkraftwerke, 26 % der Mur sind ge-
staut und 11 % ausgeleitet (Restwasser).
Etwa 25 % des Flusslaufes weisen noch
einen guten hydromorphologischen Zu-
stand auf. Hohe Fließstreckenanteile exis-
tieren im Abschnitt Landesgrenze bis
Bruck/Mürzmündung und in der Grenz-
mur. Die Huchenpopulation der Mur ist
von sehr hoher internationaler Schutz-
würdigkeit und weist eigenständige Re-
produktion auf. Mit ca. 1.500 Adulttieren
liegt die Huchenpopulation der Mur be-
reits unter der kritischen Grenze langfris-
tig überlebensfähiger Minimalpopulati-
onsgrößen. Teilpopulationen mit jeweils
über 100 Adulttieren beinden sich nur in
längeren durchgehenden Fließstrecken,
v.a. lussauf von Leoben. Ein Verschwin-
den des Huchens in Abschnitten mit
gutem Zustand entsprechend FIA führt
zu einer Verschlechterung zum mäßigen
Zustand. Generell weisen Stauhaltungen
starke Deizite im Artenspektrum und
Fischökologischen Zustand auf (Zu-
standsklasse 4 bis 5). Vollwasser-Fließ-
strecken weisen zu 89 % den Guten oder
sehr Guten Zustand auf, Restwasserstre-
cken noch zu 77 % den Guten Zustand. Mit
zunehmenden Stau- oder Restwasseran-
teil verschlechtert sich der Fischökolo-
gische Zustand.
he efects of hydro-electric develop-
ment on the ish fauna of the River Mur in
Styria, Austria
Summary: here are at present 29 power
stations on the River Mur in Styria. he im-
pounded sections account for 26 % of the
river and 11 % is diverted (with low left in
the river bed). A satisfactory hydro-mor-
phological condition is still found in about
25 % of the river course. Major free-lowing
sections have survived between the
boundary with the province of Salzburg
and the conluence of the Mur with the
River Mürz near the town of Bruck. he
population of Danube salmon in the Mur
is still capable of independent reproduc-
tion and is accorded a high protection pri-
ority at an international level. But having
now declined to an adult population of
1,500, the Danube salmon in the Mur has
dropped below the critical limit of mini-
mum population sizes deemed capable of
survival in the long term. Partial popula-
tions of more than 100 adults are found
only in major free-lowing sections, mainly
upstream of the town of Leoben above
Bruck. Disappearance of the Danube
salmon in a section qualiied as having a
good status in terms of the FIA system of
analysis would degrade this section to
moderate quality. Impounded river sec-
tions are generally severely deicient in
species diversity and ish ecological qual-
ity (Fish Ecology Class 4 to 5). he good to
very good status is found in 89 % of the nat-
ural free-lowing sections, while only 77 %
of the residual-low sections have a good
status. As the percentage of impounded
and residual-low sections increases, the
ish ecological quality declines.
2. Einleitung und Zielsetzung
Mittelgroße Flüsse im Bereich der Äschen-
region zählen in Österreich zu den am
stärksten durch menschliche Eingriffe
veränderten Fließgewässertypen (Muhar
et al., 2000). Begradigung, Uferbefestigung,
Aufstau durch Kraftwerke (KWs) und da-
mit verbundene Kontinuumsunterbre-
chung (Fischwanderung, Geschiebehaus-
halt) sowie die Betriebsweise von
Wasserkraftanlagen (Schwellbetrieb, Stau-
raumspülungen) stellen eine Vielzahl
von negativen Auswirkungen auf die Fisch-
fauna dar. In der steirischen Mur gibt es
derzeit 29 Wasserkraftwerke (inkl. der 2 in
Bau beindlichen KWs lussab Graz). Ins-
gesamt sind laut Nationalem Gewässerbe-
wirtschaftungsplan (NGP, BMLFUW, 2010)
26 % der Mur gestaut und 11 % ausgeleitet
(Restwasser), d.h. 37 % sind kraftwerksbe-
einlusst und 63 % noch als Vollwasserstre-
cke (Fließstrecke ohne Restwassereinluss)
erhalten. Etwa 25 % der Mur weisen noch
einen guten hydromorphologischen Zu-
stand auf. Hohen Anteil an Fließstrecken
weisen die Abschnitte Grenzmur (100 %),
Landesgrenze - Murau (81 %) und Murau -
Bruck/Mürzmündung (78 %) auf.
Von der Forellen- bis zur Barbenregion
kommen in der Mur bis zu über 40 Fisch-
arten vor, darunter zahlreiche Schutzgüter
der Fauna-Flora-Habitat Richtlinie und
der Roten Liste gefährdeter Arten. Der Hu-
chen ist die bedeutendste Indikatorisch-
art in der Mur, da er als Großisch-, Raub-
isch- und Wanderischart sehr speziische
Ansprüche an den Lebensraum stellt und
somit die Verhältnisse der gesamten
Fischzönose sehr gut widerspiegelt. Die
Sensibilität dieser Fischart zeigt sich auch
in ihrem hohen Gefährdungsgrad. Der
Huchen ist als „stark gefährdet“ (Wolfram
und Mikschi, 2007; IUCN, 2010) eingestuft
und, im Vergleich zu seiner historischen
Verbreitung, auf nationaler und internati-
onaler Ebene auf einen Bruchteil seiner
ehemaligen Vorkommensgebiete redu-
ziert. Die meisten bestehenden Popula-
tionen sind darüber hinaus durch Besatz-
maßnahmen gestützt oder gänzlich
darauf angewiesen. Kaufmann et al. (1991)
erwähnen bereits Quellen aus den 1980er-
Jahren mit Hinweisen auf Bestands-
rückgänge. Aufgrund des Verbreitungs-
schwerpunktes im oberen Donau -
einzugsgebiet deckt Österreich den we-
sentlichen Teil des ursprünglichen Ver-
breitungsgebietes ab, wodurch dem Erhalt
der heimischen Populationen eine hohe
Bedeutung zukommt.
Die vorliegende Studie stellt einen
Überblick über den ökologischen Zustand
der steirischen Mur aus Sicht der Fisch-
ökologie im Hinblick auf den bereits be-
stehenden Ausbaugrad durch die Wasser-
kraftnutzung dar und analysiert die
Auswirkungen eines weiteren Ausbaus auf
die Lebensgemeinschaften und Schutzgü-
ter. Der Huchen wird dabei als Indika-
torart detailliert analysiert.
3. Abgrenzung und Gliederung
des Untersuchungsraumes
Das Bearbeitungsgebiet umfasst den ge-
samten steirischen Abschnitt der Mur, von
der Salzburger Landesgrenze bis inklusive
der Grenzstrecke Österreich - Slowenien
(„Grenzmur“).
9-10/2011 öwaw 190 © Springer-Verlag