163 Henrich Lysius’ Missionsarbeit in Preußisch-Litauen in seinen Briefen Zoltán Csepregi Prediger hallischer Prägung im Dreieck Wien–Pressburg–Ödenburg August Hermann Francke wollte seine Pläne nicht nur in Brandenburg-Preußen, sondern vielmehr im ganzen Reich verwirklichen – freilich abgesehen von sei- nen im Großen Aufsatz formulierten universalen Ansprüchen. Franckes Kontakte zu Berlin wurden jedoch viel ausführlicher (in Monographien und Quellenbänden) bearbeitet als seine Beziehungen zur Kaiserstadt Wien. Darum lohnt es sich noch, die alten Quellen gesättigten Aufsätze von Richard Kammel zu lesen. 1 Das The- ma »Francke und Wien« verdient die Aufmerksamkeit auch deshalb, weil die Fäden aus Ungarn, Siebenbürgen, Venedig und Konstantinopel sowie aus den Ländern der böhmischen Krone hier zusammentrafen, um gemeinsam nach Hal- le zu führen. Der Friede von Westfalen gestattete den Wiener Gesandten u.a. von Holland, Dänemark und Schweden, je einen Prediger zu halten. Auf dieser Rechtsgrund- lage bildeten sich drei Gesandtschaftskapellen in Wien, eine reformierte und zwei lutherische. Diese Möglichkeit für den Gottesdienstbesuch nahmen – außer dem Botschaftspersonal – nicht nur die am Hofe anwesenden evangelischen Reichs- stände, Reichshofräte, Reichsagenten und kaiserlichen ‚Niederläger‘ (Großhänd- ler) 2 wahr, sondern auch viele Offiziere, Soldaten und der protestantische Adel Niederösterreichs. 3 Die Zahl der Evangelischen wurde auch dadurch erhöht, dass die wohlhabenderen Familien für ihre Kinder aus den fernen deutschen Landen Hauslehrer berufen hatten. Nach neueren Berechnungen wird die Anzahl der Pro- testanten in der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt um die 2000 betragen haben. 4 Zu größeren Festen fuhr jedoch das Luthertum aus Wien lieber in die 1 Richard Kammel: August Hermann Franckes Tätigkeit für die Diaspora des Ostens. In: EvDia 20, 1938, 312–351; ders.: August Hermann Franckes Auslandsarbeit in Südoste- uropa. In: ADEK 1939, 121–203. 2 Bernhard Raupach: Evangelisches Oesterreich. Hamburg 1732, 303f.; ders.: Dritte Fortset- zung des Evangelischen Oesterreiches. Hamburg 1740, 489–492, Beylagen 261–268; G[erson] Wolf: Zur Geschichte der Protestanten in Oesterreich. In: JGPrÖ 3, 1882, 70–78; Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. Bd. 2. Wien 2 1883, 436–439. 3 Wilhelm Kühnert: Das Taufbuch der schwedischen Gesandtschaftskapelle in Wien. 1733–1786. In: JGPrÖ 68/69, 1953, 99–111. 4 »Die Evangelische Gemeinde in Wien wächst immer an. Einige wollen sie gegen 20 Mille stark ausgeben.« J. Muthmann an A.H. Francke, Ulm, den 30.9.1722. Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Francke-Nachlass (im weiteren: StBPK-FN) Kapsel 8, abgedruckt bei Kammel, Auslandsarbeit [s. Anm. 1], 153f. »[Möllenhoff] fand, wider sein Vermuthen, eine Gemeine von einigen tausend Evangelischen zu bedienen.« Elias Friedrich Schmersahls Zuverläßige Nachrichten von jüngstverstorbenen Gelehrten. Bd. 2. Zelle 1751, 232. Teilband_2_Sek_4-7_001-403 24.02.2005, 15:31 Uhr 163