Die Welt als Labor – Über eine folgenreiche Gründungsszene der ANT 1 Ute Tellmann Die Gründungsszene der Akteur-Netzwerk-Theorie ist nicht zu übersehen: es handelt sich um das Labor. Das Labor ist zum einen der Ausschnitt von Realität, um dessen Erklärung und Beschreibung es geht. Aber zugleich ist das Labor weit mehr als eine „empirische Szene“. Die Produktion von wissenschaftlichen Fakten wird zu einer „Urszene“ für das Verständnis von Ordnungsbildung generell. Die Veränderung von einer Theorie begrenzten Zuschnitts auf eine Gesellschaftstheorie entsteht laut Latour nicht zufällig im Labor. Denn ihm zufolge ist die traditionelle Soziologie vor allem im Feld der Wissenssoziologie „radikal gescheitert“. Gerade im Labor entpuppt sich eine allgemeine Schwäche der soziologischen Sicht. Ausgehend von dieser Diagnose vermutet Latour, „daß sie auch auf anderen Gebieten stets gescheitert ist“ und macht den folgenreichen Vorschlag, die Soziologie ausgehend von diesem Punkt des Scheiterns insgesamt neu zu denken. Die Science Studies sind ein „perfekt[es] Laboratorium für die gesamte Soziologie […] Hier ist der Ort für den entscheidenden großen Sprung: hic Rhodos, hic salta“ (Latour 2007a: 162 und 182). Expliziter und provokativer kann eine Gründungsszene innerhalb einer Theorie nicht ausgeflaggt werden. Die Frage, ob die ANT ebenso gut über die Produktion „sozialer Fakten“ sprechen kann wie über die Produktion wissenschaftlicher Fakten, ist bereits in der Soziologie und der Wissenschaftsforschung diskutiert worden (Lindemann 2009, Hagner 2006, Kneer 2009, Rheinberger 2009). Dieser Aufsatz greift diese Debatte unter dem besonderen Blickwinkel der Analyse von Gründungsszenen wieder auf. In dieser Perspektive geht es nicht so sehr um ein abschließendes Urteil über die ANT, als um eine Analyse der Universalisierung einer „empirischen Szene“ zu einer „Gründungsszene“. Dabei muss sowohl die Spezifik der „empirischen Szene“ des Labors erfasst werden, als auch nachgezeichnet werden, auf welche Weise diese „empirische Szene“ zu einer „Urszene“ verallgemeinert wird. Die Theorie wird dabei nicht als bestehende Einheit genommen, sondern als ein dynamisches Programm verstanden. Die Fragen lauten also: Was ist die Spezifik der Szene? Welche Strategien der Verallgemeinerung 1 Der vorliegende Text ist ein Entwurf. Die endgültige Fassung erscheint unter dem Titel “Die Welt als Labor – Über eine folgenreiche Gründungsszene der ANT,” in: Sina Farzin und Henning Laux (Hg.): Gründungsszenen soziologischer Theorie, Wiesbaden: VS (2014).