— BJOAF 35, 2011 — Von heiligen Bäumen, ritueller Trunkenheit und kollektiver Efferveszenz: Das Waldfest von Fuse, Okinoshima Susanne Klien This ethnographic study of a mountain ritual on Okinoshima Island, Shimane Prefecture explores the meaning of this Shinto ritual for the individuals taking part in it as well as the impact of demographic changes such as depopulation and an ageing population on ritual practice. The empirical findings presented suggest that successive adaptations of ritual practice to the needs of contemporary society have maintained the relevance of this rite. Furthermore, the role of the ritual as a site of social communication between hetero- geneous actors is examined. Diese ethnografische Studie basiert auf teilnehmender Feldforschung im Sinne einer „partizipativen Intoxikation“ (Fiskesjö 2010) bei einem shintoistischen Waldfest im Ort Fuse auf der Insel D┗go Okinoshima, Präfektur Shimane, bei dem eine 300 Jahre alte Zeder als Verkörperung der weiblichen Berggottheit im Zentrum des Ge- schehens steht. 1 Die Autorin war sowohl bei den Vorbereitungen als auch bei der Durchführung der rituellen Aktivitäten vor Ort und führte nach dem Fest Interviews mit zahlreichen lokalen und nichtlokalen Akteuren. Ausgehend von einem Überblick zur historischen Entwicklung wird der Frage nachgegangen, wie sich dieses in einem Dokument mit dem Titel Insh┣ shich┗ gakki aus dem Jahr 1667 zum ersten Mal erwähnte Frühjahrsritual über drei Jahrhunderte lang halten konnte, obwohl die Be- deutung der lokalen und regionalen Forstwirtschaft stark zurückgegangen ist. Was bedeutet die Teilnahme an diesem Fest für die individuellen Akteure? Wie haben sich demografische Veränderungen wie Abwanderung und Überalterung auf die Durch- führung des Festes ausgewirkt? Rituale werden hier als ein Medium verstanden, das über die durkheimsche Interpretation als Orte kollektiver Kohäsionsstiftung hinaus- geht (Durkheim [1915] 1965: 258) und dem Individuum die Gelegenheit bietet, hege- moniale Werte zu hinterfragen. Anhand dieses Fallbeispiels soll überlegt werden, welche Charakteristika der sozialen Interaktion zwischen den Teilnehmern des Festes zu beobachten sind, welche Funktionen das Fest im Laufe der Geschichte in der Dorfgemeinschaft einnahm und welche generellen Schlüsse zur Weitergabe von Tradi- tionen vor dem Hintergrund von sich wandelnden soziopolitischen Rahmenbedin- gungen gezogen werden können. Meine Hypothese ist, dass trotz der scheinbar identisch gebliebenen Schritte des Rituals im Laufe der Zeit eine graduelle Anpassung (und damit Veränderung) des Festes an die Bedürfnisse des jeweiligen Zeitalters erfolgt ist (Schnell 1999) und 1 Ich möchte der Erziehungsbehörde von Oki (D┗go), insbesondere Nobe Kazuhiro, Fujiwara Tokiz┗ und Notsu Tetsushi, Matsuura Michihito (Takuhi-Schrein, Nishinoshima), der Verwaltungsbehörde in Fuse sowie zahlreichen Einwohnern Fuses für ihre geduldige Kooperation und Hilfe herzlich danken. Ohne sie wäre diese Studie nicht möglich gewesen.