Babylonia 1/05 60 www.babylonia.ch Finestra Vielfalt „all over“ Wahrend den letzten Jahrzehnten zeichnete sich ein starker kultureller und sozialer Wandel ab, dessen her- ausragendes Merkmal eine Pluralisie- rung der Lebensstile, Lebensformen, Sprachen und Wertsysteme war. Die Demokratisierung der Bildungssyste- me, die Ausbreitung der Marktwirt- schaft, die Formierung der National- staaten und nicht zuletzt die Einwan- derungen in die Schweiz waren die Hauptmotoren, die diese Diversifi- zierung während den letzten Jahrhun- derten vorantrieben. Die romantische Idee, Gesellschaften seien ursprüng- lich homogene Gebilde mit einer ein- zigen Kultur und Sprache gewesen, trifft wohl auf keine komplexe Ge- sellschaft und schon gar nicht auf die Schweiz zu: Seit langem kennen wir hierzulande eine sprachliche und kul- turelle Vielfalt, diese ist gar staatlich und offiziell anerkannt und meist sind wir stolz darauf. Gleichwohl ist auch in der Schweiz, wie in allen modernen Gesellschaften, während der letzten Jahre eine „Vervielfältigung“ der sprachlichen und kulturellen Vielfalt zu einer unumstösslichen gesellschaft- lichen Realität geworden. Nicht nur, dass sich in den letzten zehn Jahren die Vielfalt der Nicht-Landessprachen stark erhöht haben: Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz, wie die Volkszäh- lung zeigte, 40 Sprachen mit mehr als 1000 Sprechenden. Gleichzeitig ist eine kulturelle Pluralisierung von stat- ten gegangen, die neue Herausforde- rungen an die gesellschaftlichen Akt- eure stellt: Wie kann die Integration einer kulturell und sprachlich diversi- fizierten Gesellschaft vorangetrieben und ihre Kohäsion unterstützt wer- den? Und welche Rolle spielt hierbei die Sprache, resp. kann eine Sprachen- politik einnehmen? Im Folgenden soll die Idee dargelegt werden, dass Sprache unter drei Aspekten für eine gesellschaftliche Integration relevant ist: Erstens ist Sprache wichtig für die Identität von Individuen und Gruppen. Sprache ist zudem Mittel zur Verständigung und Grundlage sozialer Kommunikation. Nicht zuletzt ist Sprache auch Aus- druck von Ungleichheiten in einer Gesellschaft; die „Sprachen“, die ich spreche, verweisen auf meine soziale Position. Ich formuliere deshalb die Hypothese, dass Identität, soziale Kommunikation und Chancengleich- heit die zur Debatte stehenden Ele- mente einer Sprachenpolitik sind; dies gilt mindestens dann, wenn man eine Sprachenpolitik in den Dienste ge- sellschaftlicher Integration stellt. Sprache: Drei Merkmale Sprache ist relevant für die Identität Es steht ausser Zweifel, dass Sprache ein wichtiges Element für die Identi- tät ist. Damit ist gleichzeitig gesagt, dass sich eine Sprachenpolitik min- destens teilweise den Postulaten einer „Politik der Anerkennung“ oder „Iden- titätspolitik“ zuordnen lässt. Charles Taylor (1992) hat sehr einsichtig nach- gewiesen, dass ein enger Zusammen- hang zwischen Identität, Anerkennung und Gewalt besteht. Eine Nicht-An- erkennung von kulturellen, sprachli- chen oder auch von anderen Identitä- ten kann demzufolge eine Form von Gewalt sein. Anerkennt man die Iden- tität oder Besonderheit von gewissen Menschengruppen nicht, kann das Selbstverständnis dieser Gruppen oder Menschen nachhaltig untergraben werden und sie beginnen sich selbst als „negativ“ wahrzunehmen. Fehlen- de Wertschätzung führt also zu einer Sprachliche und kulturelle Vielfalt: Welche Sprachenpolitik? Janine Dahinden Neuchâtel