Markus Friedrich Politikberatung durch Intellektuelle? Das Verhältnis des Jesuitenordens zu den frühneuzeitlichen Fürstenhöfen im Spiegel von Giulio Negronis Traktat „Aulicismus, sive de fuga aulae dissertatio“ * Glaubwürdige Autoren berichten, dass sich in Ägypten die Hunde nur mit großer Zurückhal- tung dem Nil nähern, um zu trinken. Sollte der Gang zum Wasser unvermeidbar werden, so laufen die Hunde sehr schnell zum Fluss, verändern dauernd ihre Position und sind bestän- dig auf der Hut. Der Grund für dieses merkwürdige Verhalten liegt in der Furcht der ägypti- schen Hunde vor dem gefährlichsten aller Tiere: dem Nilkrokodil. „Cursim, raptim, et furtim“ – „geschwind, unstetig und heimlich“, nur auf solche Weise wagen die klugen Tiere den Zugang zum Fluss. 1 Genau dieselben Verhaltensregeln sollten die Jesuiten befolgen, wenn sie sich den Fürstenhöfen der Frühen Neuzeit näherten. Dies jedenfalls war der Vor- schlag von Giulio Negroni, Autor des 1626 erschienenen Traktats „Aulicismus, sive de fuga aulae dissertatio“. Der Titel des Buches zeigt bereits an, worauf Negroni hinaus möchte: Es ging ihm darum, falsche Vorstellungen seiner Mitbrüder vom Hofleben zu zerstören und zu- gleich einen übergroßen Enthusiasmus für ein Leben bei Hofe zu kritisieren. Stattdessen schlug er eine einfache Maxime vor – „meidet die Höfe“. 2 Was sagt eine solche Maxime über das Selbstverständnis der Ordensleute und Geistli- chen in der Frühen Neuzeit aus? Welche Art sozialer Verantwortung war damit ein-, welche ausgeschlossen? Und spezifischer: Wie passte dieser Verhaltensvorschlag und die kritische Haltung Negronis in die allgemeine Politik der Gesellschaft Jesu in Sachen Engagement bei * Die Recherchen zu diesem Aufsatz konnten nicht zuletzt durch die großzügige Unterstützung der Deut- schen Forschungsgemeinschaft durchgeführt werden (Projektnummer: FR 2535/1-1). Der Beitrag steht im Kontext meines Habilitationsprojektes zu den Kommunikations- und Informationsbeschaffungsstrukturen der Jesuiten. Bei der Materialbeschaffung war Tilman Moritz eine unentbehrliche Hilfe. Erste Überlegungen habe ich im Sommer 2006 in Edmonton/Alberta am Wirth Institute for Austrian Studies vorgetragen. Für zahlreiche Präzisierungen und Anregungen danke ich den dortigen Diskutanten herzlich. Es werden folgende Abkürzungen verwendet: ARSI – Archivum Romanum Societatis Iesu. AHSI – Archivum Historicum Societatis Iesu. HStA M – Bayerisches Hauptstaatsarchiv München. CG – John W. Padberg SJ u.a. (Hgg.), For Matters of Greater Moment. The First Thirty Jesuit General Con- gregations. A Brief History and a Translation of the Decrees (= Jesuit Primary Sources in English Transla- tion Bd 12). St. Louis 1994. Ich zitiere die Nummer der Generalkongregation, des Dekrets und die Seiten- zahl dieser Ausgabe. 1 Negroni steht hier durchaus in der Tradition seines Ordens, vgl. z.B. die Festlegungen in HStA M Jes 84, unfol. ad ao 1619: „Convivia externorum, quantum decenter fieri potest, abroganda. si adeundi necessitas sit, post duarum horarum sessionem ad mensam non solum surgendum, sed etiam domum reddendum“. 2 Giulio Negroni, De Aulae, et Aulicismi Fuga Dissertatio. Mailand 1626. Die zitierte Passage ebd., 201.