Page 1 of 23 Published in Norbert Paul & Thomas Schlich (eds): Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven, Frankfurt/M., New York: Campus, 1998, pp. 266-291. Lutz Sauerteig Vergleich: Ein Königsweg auch für die Medizingeschichte? Methodologische Fragen komparativen Forschens Als der belgische Mediävist und Wirtschaftshistoriker Henri Pirenne (1862-1935) 1923 den ersten Internationalen Historikerkongreß nach dem Ersten Weltkrieg in Brüssel eröffnete, tat er dies mit einem rhetorisch glänzenden Vortrag über die Methode des historischen Vergleichs (Pirenne 1923). 1 Pirenne, der sich sehr für die Vermittlung internationaler Kontakte eingesetzt hatte, 2 warf seinen Kollegen vor, sich während des Krieges ganz in den Dienst der nationalen Kriegsinteressen gestellt, ihre Unparteilichkeit dabei aufgegeben und vergessen zu haben, daß die Wissenschaft kein Vaterland habe: "la science n'a pas de patrie" (Pirenne 1923: 21). Als probates Mittel, den Trugbildern der Einbildungskraft, den Illusionen des Gefühls und den Verführungen durch den Patriotismus zu entkommen (ebd.: 29) — Pirenne betonte dabei besonders die Gefahren eines biologistischen Nationaldarwinismus —, forderte er die Historiker auf, ihre nationalen Standpunkte zugunsten einer vergleichenden Perspektive zu verlassen. Nur so könne die Geschichtswissenschaft wieder unparteilich, wieder objektiver werden sowie zu Erklärungen und Synthesen kommen. An dieses emphatische Plädoyer für eine Völkerverständigung knüpfte auf dem folgenden Internationalen Historikerkongreß 1928 in Oslo der Mitbegründer der französischen "Annales"-Schule Marc Bloch (1886-1944) an. Seine grundlegenden methodischen Überlegungen über vergleichendes Forschen in der Geschichtswissenschaft (Bloch 1994) gaben sich jedoch pragmatischer. 3 Der Stammbaum vergleichender Geschichtsforschung könnte noch weiter zurückverfolgt werden, bis zu Herodot, Thukydides oder Plutarch. Wichtige Impulse für eine vergleichende Methodologie kamen dabei aus ganz verschiedenen Disziplinen, aus der Rechts-, Politik- und Religionsgeschichte, der Geographie, der vergleichenden Anatomie und Anthropologie, der Linguistik und seit Ende des 19. Jahrhunderts besonders aus der Soziologie. 4 In Frankreich erklärte der Soziologe und Philosoph Émile Durkheim (1853-1917) in seinen "Règles de la méthode sociologique" von 1895 den Vergleich zu einer der Soziologie immanenten Vorgehensweise. 5 Für Marc Bloch war neben der Soziologie besonders die vergleichende