1 „Kleine Literatur“ oder „Weltliteratur“? Zu den Debatten um Herta Müller und Norman Manea (Skizze für einen Vortrag zum GGR in Bukarest) Als im Herbst 2009 die Stockholmer Akademie den Nobelpreis für Literatur an die aus dem Banater Nitzkydorf stammende Herta Müller verlieh mit der Begründung, sie habe durch „Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, bedeutete dies gleichzeitig das Ende aller Nobelpreishoffnungen für einen anderen, ebenfalls aus Rumänien stammenden Schriftsteller. Norman Manea (*1936) hat dies in einem Interview ironisiert. Auf die Frage, ob Rumänien glücklich sei mit der Preisträgerin Müller antwortete er: „Nicht sehr. Aber die Rumänen sind doch glücklicher, als wenn Norman Manea den Nobelpreis bekommen hätte. Mehr als zehn Jahre lang ringt die rumänische Presse schon die Hände und ist verzweifelt, dass es zu diesem Unglück kommen könnte. […] Es hieß, ich würde die große Krone stehlen, die Rumänien sich schon seit beinahe hundert Jahren so sehr wünscht – ich, der Jude, der Amerikaner, der Betrüger der Nation, der Fremde, der Feind.“ Die Einzigen, die in irgendeiner Weise für Rumänien den Preis erhalten haben oder hätten erhalten können, sind also keine Rumänen, obgleich ein Großteil ihrer Bücher dort entstand und den zeitgeschichtlichen und geographischen Kontext deutlich markiert, was sich in den gemeinsamen Themen der Deportation, der Verfolgung und Unterdrückung durch den Nationalkommunismus, ethnischer und religiöser Minderheiten im Vielvölkerstaat, und byzantinische Bürokratie andeutet, um nur einige zu nennen. Es sind zugleich Autoren, deren Schriften die Frage, was denn als rumänische Literatur gelten könnte, formulieren lassen – zumindest insinuiert dies Maneas Antwort – ebenso wie die Frage, was denn, aus Sicht von Rumänen und Nicht-Rumänen, jüdische, amerikanische, defätistische, exterritoriale oder deutsche Literatur als solche klassifiziere. Dabei scheinen beide Autoren gerade in der entweder von ihnen selbst oder von ihren Gegnern behaupteten Negation des Rumänischen unauflösbar auf ebendieses bezogen zu bleiben. Aber wie tun sie es? Die These der nachfolgenden Ausführungen lautet (1), dass Herta Müller und Norman Manea jeweils einem Impuls gefolgt sind, der ihre Schriften zu Gegenständen von „Weltliteratur“ macht, die aber trotzdem auf ihren bestimmten Herkunftsort bezogen bleibt. Sie lautet (2), dass „Weltliteratur“ die spezifische Möglichkeit „kleiner Literaturen“ darstellt, wie sie gleichwohl erst unter Zirkulationsverhältnissen zustande kommt, die von diesen nicht geschaffen