1 Vortrag auf dem 2. Internationalen Kongress der Associação Portuguesa de Estudos Germanísticos (APEG), Faculdade de Letras da Universidade do Porto, 2003. Überarbeitete Fassung für die Veröffentlichung in den Kongress-Akten (unpubliziert). Zwischen Wonaym und Kit Kat Club - Berlin im «peripheren Blick». Zu Texten von Emine Sevgi Özdamar, Marko Martin und José Riço Direitinho. Orlando Grossegesse (Universidade do Minho Braga, Portugal) Fraglos hält der Boom von Literatur, die um Berlin kreist, an. Dass diese Produktion eher nicht von waschechten Berlinern stammt, ist eine Binsenweisheit. Doch was ist schon echt und eigen? Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden nicht nur die Begriffe von einheimisch und fremd, sondern auch eine wiederum Harmonie stiftende Vorstellung der Kosmopolis als patrie commune der Weltbürger fragwürdig. Nach Heike Schmidt (2000) werde damit der Turmbau zu Babel quasi aufklärerisch- intellektuell erfolgreich gemacht. Sie setzt demgegenüber Stadt als „offenes Projekt oder work in progress“ (ibid.: 102). Dabei folgt sie Derridas Übertragung der différance auf Großstadt-Erleben als unablässige Grenzerfahrung sowie der „Alterität als urbaner Existenz schlechthin“ bei Häussermann und Siebel (1977). 1 Dies zielt direkt auf diskursive Umsetzungen, im Sinne des Fazits: „Die pathetisch-erhabene Vision der Kosmopolis (...) ist obsolet geworden. Die zeitgenössische Stadtliteratur verfolgt (...) den Weg durch die urbanen Mangroven, in denen jede reduktive, bloss dichotomische Auslegung des Verhältnisses von Eigenem und Fremden (...) in eine Sackgasse“ führt (Schmidt, 2000: 112). Sich überkreuzende, fluktuierende Alterität und Marginalität als zentrales urbanes Erleben trifft auf Berlin in besonderer Weise historisch zu. Die vielfachen Entwicklungsbrüche im Laufe des 20. Jahrhunderts und die unterschiedlichsten Erfahrungen des Verlustes reizen zu akzeleriertem historisierenden Fabulieren. Bereits zahllose Narrationen sind zwischen Mauerfall, Loveparade und Mammut-Baustelle angesiedelt. 2 Die Sehnsucht danach, sich metaphorisch gesprochen vorzeitig zu 1 “Die Erfahrung der Differenz, des Anderen, der Ambivalenz und des Widerspruchs ist konstitutiv für die Figur des Fremden wie des Städters. Und Urbanität ist die Fähigkeit, diese krisenhafte Existenz zu leben, die Differenz wahrzunehmen, sie auszuhalten und produktiv werden zu lassen für sich und andere. (Häussermann & Siebel, 1977: 305). 2 Siehe z.B. Die Stadt nach der Mauer. Junge Autoren schreiben über ihr Berlin, Berlin: Ullstein 1998.