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Was man wissen kann
Oder: Gedanken zur Erkenntnisfähigkeit der
Literaturwissenschaft am Beispiel der Rede von den
Werther-Selbstmorden
KATJA MELLMANN
In recent introductions to German literary studies one reads that the publication of
Goethe’s The Sorrows of Young Werther was followed by a veritable wave of suicides
among its readers. However, according to two studies that have collected and reex-
amined the few hints we have about such alleged cases the story of the suicide wave
seems to be a myth rather than an accurate historical account. Why, then, do we still
spread this myth? First, I outline a number of cognitive predispositions that might
be responsible for the intuitive plausibility of the suicide story. Second, I try to ex-
plain why even in academic writing we often succumb to these cognitive tendencies.
I propose that our discipline suffers by generally undervaluing empiricism and that
this calls for revision.
I. Der Werther-Mythos
In einem der vielen neuen Studienbücher für unser Fach (ersch. 2008; laut
Verlagswerbung: »Für Ihren sicheren Studienerfolg«) liest man, der Protago-
nist von Goethes Die Leiden des jungen Werthers sei »zum realen Vorbild für
seine Leserinnen und Leser« geworden: »Sein Selbstmord am Ende des Ro-
mans wurde nachgeahmt«.
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Eine einbändige Geschichte der deutschen Lite-
ratur von 2011 weiß gar zu berichten: »Der Roman löst[e] eine Selbstmord-
welle unglücklich Verliebter aus«; und in einem 2009 erschienenen Sammel-
bandbeitrag (der sich laut Fußnote »als einführende Vorlesung in das Thema«
versteht) heißt es:
Man wollte [. . .] nicht nur so riechen wie Werther, man wollte sich nicht nur so
kleiden wie Werther,und man wollte nicht nur so fühlen und lieben wie Werther
KulturPoetik Bd. 13,1 (2013), S. 94–104, ISSN 1616-1203
© Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2013
Die ersten drei Zitate dieses Aufsatzes werden nicht nachgewiesen. Denn es geht mir
nicht um eine Kritik an einzelnen Forschern oder einer bestimmten Textsorte, sondern
um die Kritik eines im Folgenden näher zu spezifizierenden literaturwissenschaftlichen
Darstellungsschemas, für das sich die Rede von den Werther-Selbstmorden als besonders
deutliches Beispiel eignet und zu dessen Illustration die zitierten Aussagen herhalten
müssen.