V. Gesellschaftliche Bildungskonzeptionen BILDUNG, BEHINDERUNG UND AGENCY Eine wissenssoziologische Untersuchung der Folgen schulischer Segregation und Inklusion Lisa Pfahl Zusammenfassung: Die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen schreibt eine gemeinsame Beschulung aller Schülerinnen und Schüler an inklusiven Schulen vor. Gleichzeitig wird in Deutschland ein zunehmender Anteil der Schülerschaft an Sonderschulen un- terrichtet. Im Beitrag werden die Folgen der schulischen Segregation im hierarchisch gegliederten deutschen Schulwesen untersucht. In der diskursanalytisch-fallrekonstruktiven Untersuchung wird aufgezeigt, wie Bildungsbiografien von pädagogischen Diskursen und Praktiken bestimmt werden. Obwohl die Sonderbeschulung in der Regel formale Bildungserfolge verhindert, legitimiert der Lernbehinderungsdiskurs die sonderpädagogische Förderung von klassifizierten Schülerinnen und Schülern und leitet sie zu einem Subjektivierungsprozess an, in dem die jungen Erwachsenen ihre Erwartungen an sich und ihre gesellschaftliche Teilhabe einschränken. Schulische Segregation steht damit gelingenden Bildungsprozessen entgegen, da sie soziale Ungleichheiten reproduziert, die Ausbildung von Handlungsvermögen im Erwerbsleben nur mangelhaft vorbereitet und mit der Bereitstellung von Wissen über Behinderungen die Praxis der Leistungsselektion im Schulwesen stützt. I. Einleitung Bildung und Behinderung stehen in einem engen Zusammenhang, zugleich stellen sie in modernen Gesellschaften zwei wesentliche Determinanten sozialer Ungleichheit dar. Die Wechselwirkung entsteht dadurch, dass Individuen, etikettiert mit dem Label son- derpädagogischer Förderbedarf, geringere Bildungschancen eingeräumt werden. Sie werden durch die Sonderbeschulung behindert (vgl. Powell 2011). In der Konsequenz sind sie in ihrem Lebensverlauf häufiger Armut und Erwerbslosigkeit ausgesetzt (vgl. Maschke 2008). Die Behinderung als soziale Kategorie entfaltet bei der Selektion von Danksagung: Für Ermunterung und Rat beim Schreiben dieses Beitrags möchte ich Lena Schür- mann und Boris Traue danken. Bei der Auswertung der sonderpädagogischen Diskurse und der berufsbiografischen Interviews haben mich sowohl der Berliner Arbeitskreis Diskurs Medien Bio- grafie unterstützt als auch Kollegen und Kolleginnen vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozial- forschung und der Universität Hildesheim. Auch waren die kritischen, aber produktiven Hinweise in den Gutachten für die Überarbeitung sehr hilfreich. R. Becker, H. Solga (Hrsg.), Soziologische Bildungsforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, DOI 10.1007/978-3-658-00120-9_18, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2012