Schweizer Musikzeitung Nr. xx / Monat 2004 1 Musikalische Aktivität in andern Fächern – eine Perspektive für die (Musik-)Pädagogik? Musik als eigenständiges Zeichensystem ist nicht nur ein Kunstmittel, sondern auch ein Hilfsmittel der Verständigung. Die Anwen- dung und Integration von Bewegung und Klang in der Schule dient der Entwicklung des Denkens und Handelns. Musik als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip bietet einen handlungsorientierten Zugang im Schnittbereich unterschiedlicher und Denkmuster und Lerninhalte. Markus Cslovjecsek Festliche Stimmung in der Aula der Universität Bern mit über 300 geladenen Gästen zur Schluss- veranstaltung des Schwerpunktprojektes Um- welt 1 . Nach der Eröffnungsmusik folgen Anspra- chen. Die Naturwissenschaftlerinnen, Soziolo- gen, Politikerinnen und Journalisten hören von den Investitionen, den Resultaten und den Pro- dukten des Projektes und von den Anforderun- gen interdisziplinärer Forschung. Lernen lernen? «Lernen neu lernen» lautet eine wichtige Forde- rung aus den vielen Forschungs- und Entwick- lungsarbeiten; Lösungen komplexer Probleme erfordert interdisziplinäre, partizipative und handlungsorientierte Auseinandersetzung und immer wieder die Fähigkeit lernen zu können. Aber nachhaltige Entwicklung sei nicht einfach so zu haben – lebenslanges Lernen müsse bereits in den Schulen gelernt werden. Denn Lernen bedeute auch für Akademiker, bisheriges Wis- sen immer wieder zu hinterfragen und zu revi- dieren. Solche Fähigkeiten müssen gelernt und geübt werden. Die anschliessende Intervention 2 beschäf- tigt sich dann konkret mit dem Thema. Das In- strument, an welchem im Folgenden Lernen be- obachtet werden soll, ist «musikalische Akti- vität». Ein Instrument, erklärt der Referent, mit welchem vor allem kleine Kinder lernen. Für ge- bildete Leute wirke es auf den ersten Blick banal und in der wissenschaftlichen Auseinanderset- zung sei es kaum von Bedeutung. Um die spezi- fischen Eigenschaften dieses Lernwerkzeugs zu klären, wird das Publikum aufgefordert, einmal kräftig in die Hände zu klatschen... Lernen konkret – eine Konstruktion aus Vor- wissen, Erleben und Reflektieren. Diese kurze Animation blieb nicht ein billiger rhetorischer Gag. Klang und Bewegung waren tatsächlich der Zugang, mit welchem dem Publikum die hohen Anforderungen transdisziplinärer, d.h. interdis- ziplinärer und partizipativer Forschungsme- thodik dargelegt wurden. Bereits bei diesem einen Klatscher, so wurde analysiert, bauen sich in den Köpfen der Anwesenden die unterschied- lichsten Konstruktionen auf: Einige freuen sich, dass man an einer ernsthaft feierlichen Veran- staltung auch etwas anderes tun darf als stillsit- zen und zuhören; andere sind entrüstet, dass hier Wissenschaftlerinnen und Politiker mani- puliert werden etwas zu tun, was sie gar nicht tun wollen, und Bezüge zu dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte scheinen auf; wie- der andere beschäftigen sich mit der phänome- nalen Akustik der altehrwürdigen Aula, mit Nachhallzeiten und Dämpfungsfaktoren oder einem wunderschönen Flatterecho; nochmals andere sind mit sich selbst beschäftigt, da sie ihren Arm im Gips haben und an der Handlung gar nicht teilnehmen konnten; usw. Dieser eine Klatscher bereits machte deutlich, was partizi- patives Lernen bedeutet: der Einbezug aller Ak- teure. Um in der Folge alle Beteiligten verstehen zu können, bedarf es dann vorerst einer quasi kritiklosen Offenheit dem Phänomen oder der Problemstellung gegenüber. Um die Situation in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen, muss jeder über den Schatten seines Denkstiles springen und die eigene Beharrungstendenz überwin- den. Im weiteren Verlauf der kurzen Intervention wurde anhand der gemeinsamen Realisation des traditionellen Zimmermann-Grusses 3 und eines afrikanischen Arbeitsliedes für alle Anwe- senden direkt erfahrbar, was unter handlungs- orientiertem Zugang zu verstehen ist. Die aktive Beteiligung des Plenums machte unter unge- wohntem Blickwinkel deutlich, wie viel unbe- kanntes und aufschlussreiches Wissen zwi- schen den Disziplinen liegt. Jedenfalls gab nicht nur die Diskussion der Lösung des im Verlauf der Intervention musikalisch gestellten mathemati- schen Problems 4 Gesprächsstoff beim anschlies- senden Aperitif; die vielen Rückmeldungen zeigten auf, dass es gelungen war, die Problema- tik transdisziplinärer Forschung mitsamt ihren emotionalen Komponenten darzustellen und aufzuzeigen, was es bedeutet, im Schnittbereich unterschiedlicher Denkmuster nach Lösungen zu suchen. Der Beitrag wurde als Baustein für ein vertieftes Verständnis transdisziplinärer Problemlösungsprozesse begriffen. Die skizzierte musikalische Aktivität ver- folgte vorwiegend aussermusikalische Ziele. Dass die Beteiligten dabei eine alte Grusstradi- tion und ein afrikanisches Lied kennen lernten, war eindeutig ein Nebeneffekt. Die Frage steht im Raum: dürfen Musik und Bewegung als pä- dagogische Hilfsmittel eingesetzt werden? Klang und Bewegung als Simulation von Wirklichkeit Klang und Bewegung wurden im Hinblick auf eine aussermusikalische Zielsetzung verwen- det. Die bekannten Schwierigkeiten transdiszip- linärer Prozesse sollten so bei den Anwesenden aktiviert und aus einer ungewohnten Perspekti- ve beleuchtet werden. Die musikalische Akti- vität simulierte dabei, gewissermassen als Spiel, Knackpunkte realer Problemlösungsprozesse. Der gewählte Zugang wurde zur Realität. Für vie- le Teilnehmende war es in dieser Form möglich, Grenzen der eigenen Denkmuster zu konstatie- ren, und bei aller Ernsthaftigkeit konnte darü- Hier kommt die Bildlegende. Foto: zvg