185 Handelsgüter und Verkehrswege: Wirtschaftliche Aspekte byzantinischer Pilgerzentren A ndreAs K ülzer Handelsgüter und Verkehrswege: Wirtschaftliche Aspekte byzantinischer Pilgerzentren Bei der Lektüre von byzantinischen Texten, die das Phänomen der Wallfahrt ansprechen, stößt man immer wieder auf Aussagen, wonach die jeweiligen Heil- und Anbetungsstätten zu bestimmten Zeiten von sehr vie- len, ja teilweise sogar von unzähligen Gläubigen aufgesucht worden seien. Entsprechende Zeugnisse sind bei- spielsweise zu den Verehrungsstätten des Apostels Johannes in Ephesos, der heiligen Thekla in Meriamlik bei Seleukeia, des heiligen Theodōros im pontischen Euchaïta oder des Erzengels Michaēl in Chōnai in Phrygien, aber auch zu zahlreichen anderen Orten im östlichen Mittelmeerraum überliefert 1 . Während die theologischen Phänomene des christlichen Wallfahrtswesens nun schon vielfach wissenschaftlich untersucht worden sind und heute für das lateinische Mittelalter ebenso wie für die byzantinische Welt als im allgemeinen gut erforscht gelten können, sind Überlegungen zur Wirtschafts- oder zur Siedlungsgeschichte, zur Landschaftsbezogenheit der einzelnen Pilgerzentren ungleich seltener angestellt worden: die Frage etwa, wie die erwähnten Besucher- massen in den teilweise recht abgelegenen und häuig genug extremen klimatischen Bedingungen ausgesetzten Wallfahrtsstätten in Kleinasien, in Syrien oder in Ägypten versorgt und betreut worden sind, wurde nur selten gestellt; in der gelehrten Literatur wird Gesichtspunkten dieser Art, so man sie überhaupt berücksichtigt und nicht als bloße literarische Übertreibungen einstuft, nur ein geringer Raum zugestanden. Ein allgemeiner Über- blick, der auf die unterschiedlichen Aspekte der Begründung und Entwicklung von Wallfahrtszentren ebenso eingeht wie auf den dort betriebenen Warenaustausch, auf die Versorgung und Bedarfsdeckung von Pilgern wie von denjenigen, die am Heiligen Ort ansässig waren, wurde unseres Wissens nach bislang noch nicht vor- gelegt, die folgenden Ausführungen mögen daher als ein erster Schritt in diese Richtung verstanden werden. ThEorETiSChE VorauSSETzungEn für diE EnTSTEhung Von PilgErzEnTrEn Vorab eine kurze theoretische Betrachtung zur Entstehung von Pilgerzentren. der rumänische religions- historiker Mircea Eliade hat den Sachverhalt zutreffend erklärt durch eine vor Ort erfolgte Hierophanie, eine persönliche Vergegenwärtigung des Göttlichen, welche die bisherige Homogenität des Raumes zerstört und der Stätte des geschehens eine höhere Qualität gegenüber ihrer profanen umgebung zumißt. durch die Mani- festation des Heiligen entsteht in dem zuvor grenzenlos einheitlichen Raum ein Zentrum, ein Fenster zum Kos- mos, das der religiöse Mensch gerne aufsucht, um wenigstens eine gewisse Zeit über in dieser besonderen und ausgezeichneten Atmosphäre zu verweilen und dem Göttlichen nahe sein zu können, durchaus in der Über- zeugung, daß seine individuellen Bitten und anliegen hier eher eine Erfüllung inden werden als anderswo 2 . 1 Vgl. C. Foss, Pilgrimage in Medieval Asia Minor. DOP 56 (2002) 129–151; P. MArAvAl, Lieux saints et pélerinages d’Orient. histoire et géographie. des origines à la conquête arabe. Paris 1985; B. Kötting, Peregrinatio religiosa. Wallfahrten in der Antike und das Pilgerwesen in der alten Kirche. Münster 1950, unter anderem 91 (Jerusalem). 140–160 (Meriamlik). 160–166 (Euchaïta). 166–171 (Chōnai). 171–183 (Ephesos). Einige repräsentative Quellenbelege: g. dAgron, Vie et Miracles de Sainte Thècle: texte grec, traduction et commentaire (Subsidia hagiographica 62). Brüssel 1978 (zu Meriamlik in frühbyzantinischer zeit); Eusebios von Kaisareia, demonstratio evangelica Vi 18, 23, ed. g. dindorFius, Eusebii Caesariensis opera iii „demonstrationis evangelicae libri i–X“. leipzig 1867, 390 (zu Jerusalem im vierten Jahrhundert); S.P.n. gregorii episcopi nysseni oratio laudatoria sancti ac magni martyris Theodori. PG 46, 735–748 (zu Euchaïta im vierten Jahrhundert); la vie de Saint Cyrille le Philéote moine Byzantin (+ 1110). introduction, texte critique, traduction et notes par e. sArgologos (Subs. Hag. 39). Brüssel 1964, cap. 18,1:94, 18,5:98 (zu Chōnai im zwölften Jahrhundert); Vie et pèlerinage de daniel, hégoumène russe 1106–1107, in: itinéraires russes en orient, traduits pour la Société de l’Orient Latin par B. de Khitrowo. genf 1889, 3–83, 7 (zu Ephesos im zwölften Jahrhundert); daniel von Ephesos, diēgēsis kai periodos tōn hagiōn topōn, ed. g. destunis (Pravoslavnyj Palestinskij Sbornik [= PPS] 8). St. Petersburg 1884, cap. 17 (zur Jordan-Region im 15. Jahrhundert). Hunderte weiterer Belege ließen sich anführen. 2 M. eliAde, das heilige und das Profane. Vom Wesen des religiösen. frankfurt/M. 1990 (hamburg 1957), besonders 27–29.