Manuel Franzmann Ist die traditionelle Leistungsethik in den führenden Industrienationen zum Haupthindernis eines prosperierenden und gerechten Kapitalismus geworden? Die Relevanz dieser zeitdiagnostischen Frage für die Religionssoziologie. 1 1. Einleitung Ich beschäftige mich in diesem Aufsatz aus religionssoziologischer Perspektive mit der Frage, ob die herkömmliche Leistungsethik in den entwickelten Industrienationen zum Haupthindernis eines prosperierenden und gerechten Kapitalismus geworden ist. Mein Ziel ist nicht, diese Frage zu entscheiden und die Antwort empirisch abzuleiten. Das wäre gegenwärtig eine zu schwierige Aufgabe, für die mir auch die wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz fehlt, die dazu neben der soziologischen erforderlich wäre. Mein Ziel ist lediglich zu zeigen, dass diese Frage nicht zuletzt für die religionssoziologische Forschung höchst interessant und relevant ist. Ich verstehe dieses Vorhaben bis zu einem gewissen Grade als Anknüpfung an Max Webers Studie zum Geist des Kapitalismus. Erstens wird die Arbeitsethik wie in Webers Studie als wesentlicher Bestandteil der kulturell-geistigen Ordnung bzw. der sittlich-religiösen Grundlagen moderner Gemeinwesen betrachtet. Zweitens wird der universalgeschichtliche Fokus der Weberschen Analysen übernommen. – Weber interessierte sich bekanntlich für den modernen Kapitalismus bzw. die Arbeitsethik als universalgeschichtlich bedeutsame kulturelle Erscheinung, parallel zu einer Vielzahl anderer solcher Erscheinungen. – Drittens wird die Webersche Analyse der Entstehung des Geistes des modernen Kapitalismus als in ihren Grundzügen nach wie vor gültige Analyse angesehen, auf die aufgebaut werden kann. 1 Dieser Aufsatz geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor im August 2006 an der Universidade Católica Dom Bosco in Campo Grande (Brasilien) auf freundliche Einladung von Prof. Dr. José do Nascimento im Rahmen des Programa Interdisciplinar de Direitos Humanos da Instituição (PIDH) unter freundlicher Mitwirkung von Prof. Dr. Amós Nascimento damals Universidade Metodista de Piracicaba) gehalten hat. Dieser Vortrag knüpfte seinerseits an einen Vortrag an, den der Autor auf der Zagreber Konferenz der International Society for the Sociology of Religion (SISR/ISSR) “Religion and Society: Challenging Boundaries” in der Session “Religion and economic life: Where do we stand one hundred years after the protestant ethic?” im Juli 2005 gehalten hat.